Test & Technik

Vyro AmEn1: Die Zweifach Revolution?

Vyro AmEn1: Die Revolution ders Zweifachantriebs?
Vyro AmEn1: Neuer Zweifachantrieb ohne Umwerfer

Der Zweifach Revoluzzer

Ein Zweifach-Schaltwerk ohne Umwerfer, schalten unter Volllast mit der gesamten Übersetzungsbandbreite von 2x10 oder 2x11 und das bei einer stabilen Kettenlinie? Keine Frage, die Zweifach-Schaltung Vyro AmEn1 schürt hohe Erwartungen. Wir waren beim Produkt-Launch auf Teneriffa und El Hierro und hatten dort die Möglichkeit, die AmEn eine Woche lang unter härtesten Bedingungen zu testen.

Zweifach am Enduro? Das Santa Cruz Nomad diente als Testplattform für die Vyro AmEn1.

 

 

Vyro AmEn: Vier Segemente für ein Halleluja!

Egal ob auf dem 36er oder dem 24er Kettenblatt: Die Kettenlinie bleibt gleich. Läuft die Kette auf dem kleinen Blatt klappen die vier Segmente nach außen.

Auffälligstes Detail: das segmentierte 36er-Kettenblatt. Läuft die Kette auf dem 24er-Blatt, sind die vier Segmente nach außen geschoben. Der Clou: Die Vyro AmEn1 kommt daher ohne Umwerfer aus, geschaltet wird über eine Federmechanik an der Basisplatte. Diese wird per ISCG-Aufnahme oder Tretlagerklemmung montiert. Die vier Segmente rasten im kettenfreien Bereich ein. Das ermöglicht Schalten unter Last, es braucht gerade ein Viertel Umdrehung, bis die Kette auf dem neuen Blatt weiterläuft. Als Schalthebel haben sich laut Vyro-Gründer Gregor Schuster Sram Trigger bewährt. Verwendet werden können Zweifach-Trigger von X5 bis X0. An der Basisplatte kann zusätzlich ein Bash-Guard befestigt werden. Beim Produkt-Launch zeigte sich, dass sich diese Zusatzinvestition wirklich lohnt, um die einzelnen Segmente zu schützen. Falls dennoch ein Segment bei einem Aufsetzer zerstört werden sollte, kann es für 22 Euro nachgeordert und selbst getauscht werden.

Insgesamt besteht die Vyro AmEn aus 26 Einzelteilen. Die Vyro Kurbel gibt es mit Alu- und CrMo-Achse, das gesamte System kommt je nach Achsen-Material auf 742 bzw. 802 Gramm und kostet 395 Euro. Piffig gelöst ist die Möglichkeit, mit einem Flip-Chip die Kurbellänge zwischen und 170 und 175 mm zu verstellen.

Fakten der Vyro AmEn1:

  • Schalten unter Last
  • stabile Kettenlinie über die gesamte Übersetzungsbandbreite
  • Kette kann voll geführt werden
  • Auslieferung mit 24/36-Kettenblatt, 36er aufgeteilt in vier Segmente
  • Erhaältlich als AM-Modell mit Alu-Achse (742 Gramm) und als Freeride-Modell mit CrMo-Achse (802 Gramm), Achsdurchmesser 24 Millimeter
  • Montage mit BSA 68/72 mm, kein Pressfit ohne ISCG-Aufnahme 05 oder 03 Standard
  • Preis: 395,- Euro, Direbtbezug bei Vyro

Bestellt werden kann das System unter www.vyro.com. Die Auslieferung erfolgt ab dem 5. April 2016.

 

Steile Anstiege auf El Hierro: Ganz sicher, mit einem Einfach-Antrieb hätte man hier geschoben.

 

Die AmEn1 auf dem Trail

Bei der Präsentation auf Teneriffa und El Hierro hatten wir die Möglichkeit, die Neuheit auf rauem Vulkangestein zu testen. Hier schaltete die AmEn1 sehr definiert, tatsächlich schnell – auch unter voller Last. Gut gefällt das sehr definierte Einrasten der einzelen Segmente. Gerade an den steilen, felsigen Uphills war die kleinere Übersetzung wirklich hilfreich. Während der Woche fiel auf, dass die Schaltvorgänge mit gedämpften Schaltwerken besser funktionieren. Dann schaltet die Vyro ohne Kettenschlagen. Bei Schaltwerken ohne Dämpfung fiel die Kette bei ruppigen Abfahrten teils immer wieder runter. Die Testmuster stammten noch aus der Vorserie. Kleinere Probleme mit Toleranzen von Kunstoffteilen und Lagern sollen laut Vyro in der Serie behoben sein. Derzeit gibt es noch Schwierigkeiten, die Vyro an Rädern mit Boost-Standard zu montieren. Dies soll allerdings laut Aussage von Vyro zeitnah behoben werden.

 

Mein Fahreindruck der Vyro AmEn

„Persönlich bin ich ein Einfach-Fan. Aber die Vyro AmEn1 hat Potenzial. Mir gefällt, dass der Umwerfer wegfällt und man unter Last unglaublich schnell schalten kann. Im Gebirge macht die größere Bandbreite für mich Sinn. Ob die AmEn1 den Markt revolutioniert, wird sich zeigen.“
Thomas Werz, bikesport  Chefredakteur

 

Interview mit Gregor Schuster: "Doppelt so schnell wie herkömmliche Systeme"

Vyro-Gründer Gregor Schuster: Er hat den Anspruch, sein Freeride-Bikes auch bergauf zu bewegen.

Der Österreicher Ingenieur Gregor Schuster ist der Kopf hinter der Vyro AmEn1. Wir haben uns mit ihm über sein Schaltungskonzept unterhalten. Schuster ist überzeugt: Seine Idee wird etliche Fans finden.

bikesport: Gregor, in den letzten zwei Jahren haben sich Einfach-Antriebe etabliert. Was hat dich veranlasst, ein neues Zweifach-System zu entwickeln?

Gregor Schuster: Ehrlich gesagt, beim Start des Projekts 2012 gab es 1x11 noch nicht und ich erschrak sehr, als Sram sie präsentierte. Mittlerweile sehe ich es sogar als bessere Ausgangssituation für unser Produkt, um einen Teil des Markts, der mit 1x11 zwangsbeglückt wurde, zu gewinnen. 1x11 ist eine tolle und cleane Lösung. Aber es hat eben physikalische Grenzen und passt nicht für alle Fahrer. Kompromisse beim Übersetzungsverhältnis und der Abstufung sind unumgänglich. Ich persönlich lebe am Alpenrand und fahre die steilen Anstiege mit Bikes mit viel Federweg. Laut einer Umfrage sind derzeit bis zu 40 Prozent der Biker in unseren Breiten mit 1x11 nicht glücklich.

Du bist quasi Einzelkämpfer. Wie weit war dein Weg von der Idee zum Serienprodukt?

Nicht weit, aber umständlich. Die meiste Zeit wurde leider verwendet, die Finanzierung für die Suche nach der Finanzierung zu finden. Ich muss sagen, ich war mehrere Male an meiner Grenze angelangt. Neben finanziellen und ressourcenmäßigen Problemen war es vor allem aber das alleinige Drangehen. Jede Entscheidung musste ich alleine treffen. Teils fehlte ein Partner, mit dem man die Entwicklungsschritte reflektieren konnte. So stand ich einige Male vor der Frage, ob ich mir eingestehen muss, ein verrückter Erfinder zu sein, der krampfhaft seiner Selbstverwirklichung nachläuft. Oder doch eine geniale Idee gehabt zu haben und nur noch mehr daran glauben zu müssen. Dann kam der Zuspruch der Tester, und es war so halbwegs klar.

Amen heißt deine Schaltung. „So sei es“. Was kann deine Schaltung besser als alle etablierten Systeme?

Sie hat keinen Umwerfer mehr! Kein Einstellen, kein Schaltgeräusch, kein Kettenklappern! Der Schaltvorgang erfolgt harmonisch und nahezu geräuschlos. Als einzige Rückmeldung hat die Ansteuerung bewusst ein „Klacken“ erhalten. Man kann unter Volllast schalten, der Gangwechsel dauert eine viertel Umdrehung und ist damit doppelt so schnell wie bei herkömmlichen Systemen. Die Kette kann axial zu 100 Prozent geführt werden. Es braucht keine besonderen Rahmenkonstruktionen. Die AmEn1 wiegt nicht mehr als andere Umwerfer-Schaltungen und hat einen besseren Wirkungsgrad als Getriebelösungen.

Die Kurbel besteht aus ziemlich vielen Einzelteilen. Das macht sie anfällig für den harten Einsatz, oder?

Ansichtssache – ein Schaltwerk besteht aus über 40 Teilen, die Vyro AmEn1 samt Kurbel und Ansteuerung aus 26 Teilen. Der „harte“ Einsatz macht mir hinsichtlich Schlägen und mechanischer Beanspruchung keine Sorgen, das haben wir getestet. Die Verschleißteile gibt es zum fairen Preis und sie können vom Kunden getauscht werden. Dennoch, das ist das erste Produkt einer neuen Technologie. Die unterschiedlichen Bedingungen, in denen es da draußen Anwendung findet, wird sicher zur Evolution führen. Es mag seltsam erscheinen, dass hier Kunststoffteile verwendet werden, aber diese dienen nur der Bewegung der Segmente, ohne Belastung. Es handelt sich um ein offenes System, der Schmutz kann hinein und wieder heraus, beziehungsweise wird durch die Bewegung einzelner Teile wieder hinausgeschoben.

Wo siehst du dein Produkt im Moment?

Das ist der Anfang einer neuen Schalttechnologie und sie funktioniert besser als andere Konzepte und das schon vom Start weg! Ich habe sicher nicht den Anspruch, die Superlösung für alle Anwendungen liefern zu können Aber ich bin überzeugt, dass diese Technologie – und das nicht nur an der Kurbel – Fans finden wird.

 

Quelle: 

Text & Fotos: Thomas Werz; Fotos: Alfonso S. Pérez Baute

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