Test & Technik

Im Test: Vier Trailbikes ab 2799 Euro

Mein Trail – meine Heimat

Hometrails sind vertrauteste Strecken, hier fühlst Du Dich zuhause, kennst jede Wurzel und jeden Stein. Das perfekte Terrain für ein Trailbike, das so zum Partner für jeden Tag wird. Wir haben vier zum Date gebeten.

Sind wir einmal ehrlich: Wer von uns wohnt schon an oder in den Alpen und nimmt auf seinen häufigen Runden lange Anstiege und alpine Abfahrten in Angriff? Und wessen heimatliche Trails führen eher durch hügeliges Gelände mit vielen kurzen Auf und Abs und im Idealfall abwechslungsreichen Strecken? Letzteres dürfte die Mehrheit sein und aktuelle Trailbikes gehören zu den Rädern, die dafür bestens geeignet sind. „Everyday-Kisten“ quasi, mit denen man genauso vertraut ist wie mit den heimatlichen Pfaden. Bikes für solches Terrain sollten alles können: Sie sollten in Flachpassagen schnell und dynamisch sein, in Anstiegen effektiv, in Abfahrten sicher zu beherrschen – und auch noch ordentlich Fahrspaß bieten. Außerdem sollte das Fahrwerk mit verschiedenstem Terrain zurecht kommen und sich das Rad flink und agil über verwinkelte Strecken jagen lassen. Das Ganze ist nicht unbedingt eine Frage des Preises, sondern hängt von der Geometrie, der Auswahl der Komponenten oder ganz einfach vom Charakter eines Bikes ab. Dabei muss Trailbike nicht gleich Trailbike sein, es gibt  durchaus verschiedene Ansätze und Philosophien wie ein gutes Trailbike aussehen soll, und auch die Geschmäcker der Biker unterscheiden sich. In unserem  Testfeld sind vier Räder vertreten, die sich nicht nur in Feinheiten unterscheiden.

Alles am Fluss Zwischen der Münchner Innenstadt und Grünwald haben wir die Bikes über die Trails gejagt. Schotter-Sprints gehören natürlich auch dazu.

 

120 Millimeter sind nicht in Stein gemeißelt

Nicht zuletzt werden die  verschiedenen Radkategorien am Federweg oder an der Kombination von Federweg und Laufradgröße festgemacht. Typisch Trailbike sind 120 Millimeter  Federweg mit 27,5-Zoll-Laufrädern kombiniert oder 29 Zoll mit 100 Millimeter Federweg. In Stein gemeißelt sind diese Werte allerdings nicht zumal die Übergänge zwischen benachbarten Bikekategorien fließend sind. In unserem Testfeld treffen die 120 Millimeter am 27,5-Zoll-Bike auf das Fokus Spine und das Giant Anthem zu. Das Scott Genius ist der einzige Twenty-Niner und bietet vorne mehr, am Heck variablen Federweg: 140 Millimeter vorne, 90 oder 130 Millimeter – je nach Einstellung – am Hinterbau. Das Propain Twoface ist noch großzügiger beim Federweg. Hinten sind es 145 Millimeter, an der Gabel sogar absenkbare 150 Millimeter. Das Twoface ist das abfahrtsorientierteste der vier Bikes, das Genius hat das höchste Marathon-Potenzial. Bei allen Rädern wurde Wert auf eine angenehme und effektive Sitzposition gelegt, sie alle zeigen sich tatsächlich auch im flachen Trail oder bei kurzen Stichen sehr dynamisch. Die Frage nach der benötigten Übersetzungsbandbreite beantworten die vier Hersteller im Test unterschiedlich. Während Giant und Propain auf eine 1x11- Schaltung setzen, spendieren Focus und Scott ihren Maschinen zwei Kettenblätter vorne, wodurch ein Hebel mehr am Lenker platziert ist. Für unsere  heimatlichen Isartrails sind die 1x11-Lösungen perfekt, 2x11 bietet eine etwas größere Bandbreite und macht einen  Kettenblattwechsel unnötig, wenn man in alpines Gelände wechselt. Bei Einfach-Schaltungen ist da schon einmal ein Wechsel vom montierten 32er- auf ein 30er- oder gar 28er-Blatt zu empfehlen. Bei den Bremsscheiben heißt es 180 Millimeter vorne und hinten, lediglich das Propain ist vorne sogar mit einer 203 Millimeter großen Scheibe bestückt.

Wald & Wurzeln: Nicht immer steil, dennoch mit Anspruch. Wurzeln, knackige Anstiege, kurze Abfahrten – alles was ein Hometrail zu bieten hat!


Selbstverständlich Variostütze

Eine Variostütze gehört unserer Meinung nach absolut an Bikes dieser Kategorie und Preisklasse. Die potenten Fahrwerke machen vieles möglich und ein abgesenkter Sattel gibt Sicherheit und Kontrolle auf steilen oder technisch herausfordernden Passagen. Fast alle der Bikes sind mit Variostütze ausgestattet, meistens mit 125 Millimeter Absenkung, beim Propain sind es sogar 150 Millimeter. Das Focus sollte man auf jeden Fall nachrüsten, zumal die Stütze nicht mit einem Schnellspanner geklemmt ist, so dass man wirklich entweder zum Werkzeug greifen oder weniger entspannt in die Abfahrt gehen muss. Wir können hier wieder nur auf die heimatlichen Trails als typisches Terrain verweisen: Das Absenken des Sattels ist – wenn auch nicht im äußersten nötig – zumindest immer wieder hoch willkommen.

Die Qual der richtigen Reifenbreite

Nicht nur, aber auch bei Trailbikes geht der Trend derzeit zum langen Oberrohr, das mit einem kurzen Vorbau kombiniert wird. Der findet sich prinzipiell an allen Bikes im Testfeld wieder, in der Regel kombiniert mit einem breiten, mehr oder weniger stark gekröpften Lenker. Schmaler oder eher breit ist auch bei den Reifen eine nicht unwichtige Frage. Unter 2,20 Zoll geht an aktuellen Bikes nichts mehr und auch unter den Testrädern markiert dieser Wert das Minimum. Focus kombiniert einen 2,2er Reifen am Hinterrad mit einem 2,4 Zoll breiten Modell vorne, eine gefällige Kombination, für gute Traktion und gutes Rollverhalten. Scott setzt komplett auf 2,25 Zoll, hier würden wir vorne auf einen 2,35 Zoll breiten Reifen wechseln. Das abfahrtstarke Propain zwei 2,4 Zoll breite Reifen, die auf breiten Felgen montiert sind und exzellenten Halt geben, vielleicht in flachen Tretpassagen einen gering höheren Krafteinsatz erfordern. Giant schließlich kombiniert einen 2,35er Reifen vorne mit einem 2,25er hinten.

Ähnlichkeiten und Unterschiede

Auch wenn alle vier Bikes unter der Rubrik „Trailbike“ gelistet sind, differenzieren sich die Bikes doch durch individuelle Besonderheiten. Das betrifft Ausstattungsdetails ebenso wie die Geometrie oder die Philosophie in Sachen Fahrwerk. Wer lieber mit mehr oder variablem Federweg unterwegs ist, findet die richtigen Partner im Propain mit seiner absenkbaren Gabel oder beim Scott, das mit dem TwinLoc-System nicht nur die Plattformdämpfung am Federbein  verstellt, sondern auch den Federweg des Hinterbaus. Mit dem Giant Anthem und dem Focus Spine sind zwei aggressive Trailflitzer vertreten, das Propain Twoface bietet das höchste Abfahrtspotenzial. Der Twenty-Niner Scott Genius ist ein überzeugender Sprinter und Kletterer mit etwas gutmütigerem  Fahrverhalten, es ist das marathontauglichste Bike im Testfeld. Sie alle machen Spaß. Und je nachdem wie man sich persönlich sein eigenes „Everyday-Bike“ vorstellt, hat man die Wahl zwischen unterschiedlichen Charakteren. Den Stempel „Trailbike“ haben sie unseren Hometrails auf jeden Fall aufgedrückt.

 

Die Bikes im Test

Focus Spine C Pro

Viel Schub nach vorne: Das Focus Spine ist ein schnelles, raceorientiertes Trailbike mit unauffälliger Optik, dem lediglich eine Variostütze fehlt. Zum ausführlichen Test geht's hier.
 

Giant Anthem SX Ltd.

Wendig und sicher: Das Giant Anthem ist bergauf wie bergab schnell und dynamisch. Ein Bike, das wie für abwechlungsreiche Trails gemacht ist. Zum ausführlichen Test des Giants geht's hier.

 

Propain Twoface Trail

Große Reserven: Das Propain Two-Face liegt super bergab. Kombiniert mit gutem Klettervermögen, ergibt sich dadurch ein schöner Allrounder. Zum ausführlichen Test des Propains geht's hier.

 

Scott Genius 930

Aufwendige Technik: Das Scott Genius ist nicht zuletzt dank seiner Twinlock-Technologie super variabel. Ein schickes Aussehen ist Teil des Pakets. Zum ausführlichen Test des Scotts geht's hier.

Gut gelöst:

Formschön: Die Zugeinlässe am Focus Spine sind sehr schick in den Rahmen integriert.

Clever: Der Carbon-Fender schützt den hinter dem Sitzrohr angelenkten Dämpfer effektiv vor übermäßiger Verschmutzung.

 

Ausbaufähig:

Auf die Schaltanzeige am Scott Genius könnten wir verzichten. Dann kommt der Variostützen-Remote auch in die Reichweite des Daumens.


Wenn schon keine Variostütze, dann ein Schnellspanner. Die Tool-Lösung finden wir auf dem Trail ziemlich lästig.

 

So haben wir getestet

Was ist das ideale Testterrain für einen Trailbike-Test? Im Prinzip würde ja jeder Trail dieser Welt funktionieren. Wenn man uns fragt, sind die eigenen  Hometrails das perfekte Trailbike-Revier. Zuhause sind die Bikes im moderaten aber auch anspruchsvollen Gelände, wie es viele Biker in den deutschen  Mittelgebirgen vorfinden. Für eine Münchner Redaktion liegen die Hometrails aber nun mal entlang der Isar. Die Isartrails im Süden der bayerischen Landeshauptstadt zwischen Tierpark Hellabrunn und der Grünwalder Brücke bieten auf beiden Seiten des Flusses für diese Bike-Kategorie ideale  Testbedingungen. Quasi ständiges Pedalieren, schnelle Antritte, kurze steile Anstiege bergauf, Anlieger. Aber auch: nasse Steine, Wurzelpassagen und diesen Sommer auch tiefe Schlammlöcher. Ebenso kurze, steile Abfahrten mit kleinen Sprüngen und engen Kehren. Alles Situationen, die in Kombination eine ziemlich perfekte Test-Strecke ausmachen, auf der man Stärken und Schwächen des jeweiligen Bikes herausarbeiten kann.
Aber: Das heißt nicht, dass die Bikes nur im moderaten Gelände funktionieren. Ganz nach dem Motto: „Home is where your trail is!“

Letztes Setup: Bevor es auf die Teststrecke geht, werden alle Bikes noch einmal individuell abgestimmt.

Quelle: 

TEXT: MARTIN MUNKER | FOTOS: GIDEON HEEDE

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