Reise

Wegweiser: Kitzsteinhorn

Vom Schnee zum See - Alpine Trails am Kitzsteinhorn

Kaprun gehörte mit zu den legendärsten Weltcup-Orten des Mountainbikesports. Die letzten Jahre war es in Sachen Bike jedoch ziemlich ruhig unterhalb des Kitzsteinhorns. Nun locken anspruchsvolle alpine Trails mit Gletscherblick.

Ein Morgen Mitte Juli. Wir laden die Bikes aus unserem Auto am Parkplatz des Kitzsteinhorns. Gegenüber, neben seinen Opel Manta B gebeugt, schließt ein älterer Herr aus Ungarn die Schnalle seiner alten Skischuhe. Nicht nur das Auto, auch der Mann im grünen Overall, mit dem FleeceKäppi und den alten Latten wirkt ein bisschen aus der Zeit gefallen. Irgendwie 80er-Jahre, als der Kat im Auto ebenso wenig Thema war, wie dieser ominöse Klimawandel oder ein eventuell damit verbundener Rückgang der Gletscher. „Ah aus München“, meint er anerkennend. Er liebe diese Stadt. Aber was wir hier denn nur mit Fahrrädern machten? Der Ungar wirkt etwas überrascht. Ist ja schließlich ein Skigebiet ... Na ja, wie gesagt: Es ist Mitte Juli 2016 – und die 80er ... naja lassen wir das.


Hochgebirge pur: Freeride-Flow, alpine Wege und im Rücken der schneebedeckte Gipfel des Kitzsteinhorns.

An der Gondel ist die Anzahl der Sommerskiläufer doch sehr überschaubar. Die größte Besuchergruppe bilden aber weder Bergsteiger, Wanderer noch Mountainbiker. Arabische Großfamilien drängen sich in den Kabinen. Das erste Mal Schnee berühren, vielleicht sogar ein paar Meter darauf rutschen, einen Schneeball werfen ... und sich vielleicht auch ein bisschen von der Höhenluft auf 3000 Metern berauschen lassen. Nicht nur die Augen der Kinder leuchten erwartungsvoll. Eine Reise zum Mond könnte für sie wohl im Moment nicht exotischer sein.

Unsere beiden einheimischen Begleiter Sebastian Lachmayr und Fabian Mitterhauser schütteln etwas mitleidig den Kopf. „Die Araber stehen voll auf das Kitzsteinhorn. Jeden Sommer werden es noch mehr“, weiß Sebastian in der Gondel auf dem Weg zum Alpincenter. Aber auch ich blicke ungeduldig zum verheißungsvollen Gipfel. Das Kitzsteinhorn versteckt sich noch in den Wolken, aber dank der Schneefälle der letzten Tage leuchtet der Gletscher darunter in sattem Weiß. Die arabischen Kinder werden in wenigen Minuten zum ersten Mal ihre Hände in die weiße Pracht stecken. „Vom See in den Schnee“, lautet ihr Motto. Uns interessiert die umgekehrte Richtung: vom Alpincenter hinab bis nach Kaprun.


Am Alpincenter lockt das Gletscherpanorama.

Dass es die Strecke in sich haben könnte, vermuten wir spätestens, als Fabian, der sich nebenbei als einer der Trailbauer am Kitzsteinhorn outet, seinen Fullface-Helm aufzieht. Die Waffen falsch gewählt? „Keine Angst“, beschwichtigt der 21-Jährige grinsend. „So wild wird’s nicht werden. Der normale Helm ist grad nur kaputtgegangen.“ In Kaprun wissen sie einfach, wie man sein Material hart rannimmt.


Gut 1500 Tiefenmeter auf anspruchsvollen Singletrails warten am Alpincenter.
 

Ein Ort der Mountainbike-Geschichte

Kaprun. Allein der Name lässt viele langjährige Mountainbiker in Erinnerungen schwelgen. Die legendären Downhill-Weltcup-Rennen am Maiskogel wurden Ende der 90er-Jahre live auf Eurosport übertragen. Die Fahrer schossen über eine Highspeed-Wiesenpiste und nicht wenige zerschoss es beim wilden Ritt Richtung Tal. Manche Bikes zerfielen schon nach den ersten Sprüngen in ihre Einzelteile, die Federgabeln waren quasi permanent am Anschlag. „Mountainbiken war damals ein Sport für Verrückte“, so Hotelbesitzer Wolfgang Leitner, der noch heute ins Schwärmen gerät: „So eine tolle Veranstaltung. Spektakulär, aber auch gefährlich und verrückt!“ Und bei den Leitners im Hotel tummelte sich die Weltelite. In der damaligen Tennishalle präparierten die Profis ihre Bikes für die Schlacht am Maiskogel.


Eine kurze Rast mit Blick auf den Gipfel des Kitzsteinhorns. Danach wartet auf uns der alpine Geißstein-Trail.

Kaum vorstellbar: Gut 50.000 Menschen pilgerten an so einem Weltcup-Wochenende an die Rennstrecke am Maiskogel. Eine Zuschauerzahl, von der heute selbst die populärsten Rennen nur träumen können. Dann die Weltmeisterschaft 2002. Ganz oben auf dem Siegerpodest stand damals kein Geringerer als der Franzose Nicolas Voullioz, Zweiter wurde Steve Peat. Das Junioren-Treppchen stürmten hoffnungsvolle Jungspunde: Ein gewisser Samuel Hill aus Australien, dicht gefolgt vom jungen Briten George David Atherton. 14 Jahre ist das jetzt her. Im Weltcup-Business eine Ewigkeit. Aber: Mountainbiken war in Kaprun schon richtig groß, als in anderen Alpentälern Mountainbiker noch nicht einmal als Exoten galten. „Wir waren zu früh dran“, sagt der 63-jährige Leitner heute. Der Hotelchef ist selbst begeisterter Mountainbiker – „allerdings lieber bergauf“. Quasi täglich ist er über die Mittagszeit unterwegs und macht so gut 4000 Höhenmeter in der Woche.


Und die Geier kreisen

Uns geht es heute vor allem um die Tiefenmeter. Trailbauer Fabian gibt seinem Enduro die Sporen. Vom Alpincenter auf 2440 Metern rollen wir zuerst über den Sommerweg, der wegen diverser Umbauarbeiten im Gletscherskigebiet ganz schön von Baufahrzeugen frequentiert wird. Jetzt im Hochsommer kann man sehen, dass es in den Alpen schon lange nicht mehr ausreicht, nur auf einen ergiebigen Winter zu hoffen. Nach einigen Metern geht es über eine Skipiste, dann biegen wir auf den Geißstein-Trail ab. Auf uns warten gut drei Kilometer hochalpines Trailvergnügen. Teilweise richtig blockig und noch ganz schön rutschig, denn bis vor kurzem hatte ein kräftiger Wettereinbruch die Schneefallgrenze unter die 2000-Meter-Marke gedrückt. Der Trail windet sich neben der Piste in Richtung Krefelder Hütte und von dort entlang des grasbewachsenen Steilhangs des 2230 Meter hohen Geißsteins. Dieser Streckenabschnitt ist ein Highlight: schmal, kurvig mit natürlichen Anliegern und dennoch alpin mit Steinen und kürzeren blockigen Passagen.


In der Tiefe zeigt sich schon den Zeller See bei der Abfahrt vom Glocknerblick.

Nur kurz genießen wir am Grat den beeindruckenden Blick zurück in Richtung Gletscher. Über uns nutzt ein Bartgeierpaar elegant die Thermik und schraubt sich scheinbar mühelos in die Höhe. Der Nationalpark Hohe Tauern ist nicht weit. Wir hoffen, dass die Geier nicht auf uns warten. Dann vielleicht doch eher auf die beiden Mountainbiker, die sich unter uns im Staub der Kieslaster die steile Schotterpiste Richtung Alpincenter hinaufkämpfen?

Nach 476 Tiefenmetern spuckt uns der GeißsteinTrail an der Häuslalm aus. Doch hier ist noch nichts mit Verschnaufpause. Guide Sebastian drückt aufs Pedal, und hinter der Alm geht es direkt weiter in den Wüstlau-Trail. Wie für uns frisch serviert, führt er steil in die ersten Anlieger. Die Kompression drückt mich in die Kurve – Achterbahn-Feeling pur.


Keine leichte Strecken

„Wir haben bewusst keine leichten Trails gebaut“, erklärt Trailbauer Fabi während unserer Pause auf der Salzburger Hütte. „Ein bisschen biken muss man hier schon können.“ Die Strecken sind aber auch der alpinen Topografie geschuldet. Oben ist es steinig – aber auch der untere Bereich des Kitzsteinhorns fällt recht steil aus. Daher sind die fast 1100 Tiefenmeter des Wüstlau-Trails zwar bei weitem nicht so alpin wie weiter oben – technisch anspruchsvoll ist die Strecke dennoch. Hinter der Salzburger Hütte zieht sich der Pfad über Almen, flankiert von wiederum steilen, fast unwirklich grünen Wiesenhängen. In abschüssigen Spitzkehren windet sich der Kurs durch Farne und Alpenrosen. Der Weg hinab Richtung Zeller See führt durch verschiedene alpine Vegetationsstufen.

Gerade auf dem letzten Teilstück des Wüstlau-Trails ist noch einmal richtig Konzentration gefragt. Steile Spitzkehren führen durch stellenweise ausgesetztes Gelände. Das Gute daran: Dass hinter der Spitzkehre der Abgrund gähnt, sieht man zum Glück dank der dicht gewachsenen Himbeersträucher gar nicht. Angesichts dessen, was dort lauert, sind die paar Kratzer, die man sich hier holt, vergleichsweise harmlos.


Den Großglockner im Blick

Neben dem reinen Downhill-Vergnügen wartet auf uns noch die Tour hinauf zum Maiskogel. Direkt aus dem Dorf Kaprun geht es zuerst moderat und dann erneut ziemlich steil nach oben. Für Guide Sebastian, ehemaliger Cross-Country- und Straßenfahrer, war der Uphill hinauf zum Glocknerblick früher eine seiner Trainingsrunden. Die urige Hütte auf 1659 Metern über dem Meer trägt die größte Attraktion im Namen. Wer es mit dem Bike bis hier hoch schafft, wird von Hüttenwirtin Christina nicht nur mit leckerem Apfelund Topfenstrudel verwöhnt, sondern hat bei gutem Wetter einen freien Blick auf ein grandioses Bergpanorama mit Großglockner und Kitzsteinhorn. Zudem erkennt man von dort oben die mächtigen Mauern der Stauseen Wasserfall- und Mooserboden. Im Norden reicht der Blick bis zum Steinernen Meer und zum Hochkönig. Als Belohnung für den 800 Meter Uphill taugt neben dem Apfelstrudel auch ein kurzer Abstecher zur Schotterpiste in Richtung Kitzsteinhorn und von dort zum Abzweig auf den Bachler-Trail. Der ist technisch um einiges einfacher und führt in Serpentinen über eine Höhendifferenz von 600 Metern zurück bis an das Ufer des Klammsees. Von hier rollen wir entspannt Richtung Kaprun und dann ebenso entspannt weiter im breiten Salzachtal Richtung See. Die Hänge der Schmittenhöhe auf der anderen Talseite faszinieren uns. Unsere Begleiter winken ab. „Wäre vermutlich ein perfektes Gelände. Aber fast alles Privatbesitz. Und die Familie Porsche hat leider kein Interesse an Bikern“, kommentiert Fabian.


Die verdiente Pause am Zeller See.


Wir pedalieren in Zell die Uferpromenade am See entlang. Unweit des Grand Hotels begutachten mehrere arabische Kinder begeistert einen Rest Kunstschnee. Faszination Schnee: Wie werden die Augen dieser Kids erst leuchten, wenn es hinauf zum Gletscher geht? Und auch wir könnten morgen eine Freeride-Runde am Kitzsteinhorn noch ganz gut vertragen.

KAPRUN KOMPAKT

Allgemein

Die Ferienregion Zell am See-Kaprun liegt im Land Salzburg im Pinzgau am Rande des Nationalparks Hohe Tauern. Die Region zieht sich von knapp 760 Metern über dem Meer am Zeller See bis zum Gipfel des Kitzsteinhorns auf 3203 Metern in die Höhe. Das Kitzsteinhorn ist das einzige Gletscherskigebiet im Salzburger Land. Mit der Eröffnung einer Luftseilbahn entstand dort im Jahr 1965 das erste Gletscherskigebiet Österreichs mit Ganzjahresbetrieb. Tragische Berühmtheit erlangte Kaprun am 11. November 2000, als in der Standseilbahn „Kitzsteinhorngams“ im Tunnel ein Heizlüfter Feuer fing und 155 Menschen starben. Heute erinnert unweit des Tunneleingangs eine Gedenkstätte an die Opfer.

Unterkommen

Eine Unterkunft buchen kann man über die Zell am See-Kaprun Tourismus GmbH. Vom Fünf-Sterne-Hotel bis zum Campingplatz steht Bikern quasi jede Kategorie zur Verfügung. Info und Buchung: www.zellamsee-kaprun.com
Während unserer Recherche waren wir im Hotel Active by Leitner’s untergebracht. Das Design-Hotel verfügt über einen großen Radkeller, Sauna, Fitnessraum und – super im Sommer – über einen großen Outdoor-Pool. E-Mail: info@active-kaprun.at Telefon: +43 6547 8782 Infos: www.active-kaprun.at

Biken

Am Kitzsteinhorn warten anspruchsvolle Abfahrten vom hochalpinen Gelände bis ins Tal.
Geißstein-Trail: Der Trail führt vom Alpincenter auf 2440 Metern bis zur Häuslalm. Neben dem Gletscher- Panorama bietet der hochalpine Singletrail steiniges, aber auch flowiges Gelände. 3.144 Meter, 476 Höhenmeter.
Wüstlau-Trail: Der Trail fordert Kondition. Von der Häuslalm geht’s bis ins Tal. Technisch anspruchsvoll mit Spitzkehren, Anliegern, Stein- und Wurzelpassagen. 7.700 Meter, 1070 Höhenmeter.
Bachler-Trail: nahezu naturbelassen und relativ einfach. Nur über einen kurzen Anstieg zu erreichen. 5.200 Meter, 600 Höhenmeter.
Bike-Ticket Kitzsteinhorn: Tageskarte: 41 Euro, www.kitzsteinhorn.at Sonstige offizielle Bike-Routen und Tourentipps gibt es unter www.zellamsee-kaprun.com

Verleih & Guiding

Adventure-Center, Guiding und BikeVerleih. Helmut Schneider, E-Mail: kaprun@adventure-center.at
Infos: www.adventure-center.at

Quelle: 

TEXT: THOMAS WERZ | FOTOS: GIDEON HEEDE

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