Reise

Roadtrip Trentino: Wahre Glücksmomente

Manche Menschen sind wirklich zu beneiden. Sie fläzen sich auf die Couch, öffnen eine Literpackung Walnusseis mit Schokoladensplittern, und schon löffeln sie sich glücklich.

Als Biker ist der Pfad in den Siebten Himmel oft weniger bequem: schweißtreibende Anstiege vor dem Ausblick auf die angezuckerten Dreitausender, mulmige Gefühle in der Magengrube vor der kniffligen Schlüsselstelle der Abfahrt, blaue Flecken
und Schrammen als Erinnerung an die mit glitschigen Wurzeln übersäte Spitzkehre.

So hart der Weg aber auch sein mag – hinterher ist meist alles gut. Die Augen leuchten. Wieso? Das wollten wir bei einer „Forschungsreise“ hautnah erkunden. Auf zu einem Roadtrip durchs Trentino, immer auf den
Spuren des Glücks.

„Glücksmomente spüren wir, wenn wir loslassen können“, meint Stefan Klein, Autor des Buches „Glücksformel“. T-R-EN-T-I-N-O – unter Bikern ist diese Buchstabenkombination so etwas wie die Zauberformel für Glück: Torbole, Tremalzo, Lago-Trails, ... der Gardasee weckt Sehnsüchte. Aber vielleicht wär’s ja auch an der Zeit, mal ein anderes Rezept für ein beglückendes, verlängertes Bike-Wochenende auszuprobieren.
„Die großen Glücksmomente hat man in der Regel nicht, wenn man in das Restaurant geht, in dem man immer isst“, warnt Stefan Klein. Also, Location-Wechsel!

Das Trentino ist groß. Trails und geeignetes Terrain gibt es auch schon weit vor der Autobahnausfahrt Gardasee Nord mehr als genug – von den südlichen Dolomiten bis in die abgelegenen Täler der Lagorai-Kette. Neues zu entdecken und zu erkunden, was uns glücklich macht, das ist der Plan.

Vorfreude – Berge zum Träumen
Wie ein verschlungener Singletrail windet sich die Passstraße hinauf zum Lavazé Joch zwischen Eggental und Val di Fiemme. Lachsrot leuchten die Gipfel der Latemar-Gruppe in der Abendsonne. Es sind nur noch ein paar Kilometer bis zum Startpunkt des Roadtrips in Predazzo. Nur zu gern würde Marco sein Bike jetzt schon vom Heckträger holen. Es kribbelt. Doch es ist schon spät. Zu spät. Ein paar Kehren weiter ins Tal hinab wird es bereits dämmrig düster.

Eine Stunde später: Die Pasta dampft. Marco sitzt in Gedanken schon auf dem Bike. „Hast Du eine Karte?“, fragt er. „Lass uns die Erkundung schon mal auf dem Papier starten“, entgegnet Caro. Beide kommen aus der Schweiz. Berge und Trails haben sie zuhause mehr als genug. Und trotzdem können sie es kaum erwarten, sich auf die Räder zu schwingen. Vorfreude ist die schönste Freude. Oder jedenfalls schon mal die erste
Stufe auf dem Weg ins Glück.

Romantik: Stilles Glück auf der Alm
Marco sitzt als erster am Frühstückstisch – bereits in voller Bike-Montur, startklar, voll motiviert. Im Tal hängt noch Nebel. Egal, Marco will los. Schnell ein Brioche, etwas Müsli und – klar – einen Cappuccino. Los geht’s! Ein paar Kilometer weiter im Val Travignolo zweigt in Richtung Norden der Schotterweg zum Passo Lusia ab. Ideal zum entspannten Einfahren. 

Nach der letzten Waldkehre wird es plötzlich licht. Der Weg windet sich über weite Almwiesen. Verstreute Lärchen und bunte Buchen sorgen für Farbtupfer. Im Winter schwingen hier Skifahrer und Boarder die Hänge hinab. Doch jetzt herrscht hier Ruhe. Ein paar Kühe. Ein Senner auf der Suche nach einem vermissten Kalb.

Nach etwa 600 Höhenmetern Kurbelei ist der Passo di Lusia (2055 m) erreicht. Ein schmaler Weg führt ins Valle di San Pellegrino hinab – und schon nach ein paar Hundert Metern zu einer verwunschenen kleinen,
nicht bewirtschafteten Almhütte. Ein idealer Platz, um sich einen Überblick über die Region zu verschaffen. Und um die Seele baumeln zu lassen.

Gerade schälen sich die Spitzen der Latemar-Gruppe aus dicken Cumulus-Wolken. Und auch die benachbarten Kalkwände der Rosengarten-Gruppe leuchten in der Sonne. Die zählen seit 2009 zum Unesco Weltnaturerbe Dolomiten. Der sagenhafte Zwergenkönig Laurin soll dort einst eine Königstocher in seinen Rosengarten hoch in den Bergen entführt haben. Als er von den Rittern des Königs gefangengenommen wurde, soll er ihn mit einem Fluch belegt haben. Niemand sollte künftig den Rosengarten sehen, weder bei Tag noch bei Nacht. Doch Laurin hatte die Dämmerung vergessen. Und so erblüht der Rosengarten der Sage
zufolge jedes Mal bei Sonnenauf- und -untergang, wenn sich die Felsen in glühendem Rot zeigen.

Tatsächlich entsprießt der Name aber aus weniger romantischen Wurzeln, als es die Laurin-Sage Glauben machen will. Sprachforscher vermuten, dass der Name Rosengarten mit dem alten Wortstamm „ruza“
zusammenhängt, was so viel heißt wie Geröllhalde. Auch der italienische Name „Catinaccio“ für Rosengarten soll nicht gleichbedeutend sein mit „große, wilde Bergkette“, sondern vom ladinischen Wort „ciadenac“ stammen, das Berg- oder Geröllkessel bedeutet. Wie dem auch sei. Für Marco und Caro ist der Platz an der kleinen Almhütte ein ganz besonderer. Wild und romantisch wie Laurins Geschichte. Ein stilles Glück.

Panorama: Aussicht schafft gute Laune
Nächste Station auf dem Weg ins Glück: das Joch Grimm. Caro und Marco sind etwas unruhig. Die Tour gestern war toll, keine Frage, aber irgendwie fehlt den beiden Freeride-Fans noch das große Glücksgefühl auf der Abfahrt. Glück hängt eben auch davon ab, was du erwartest.

Die Auffahrt der Tour zum Passo Cugola (Joch Grimm) führt wieder über Forststraßen, und auch oben sind knackige Trails erst mal Mangelware. Trotzdem beginnen Marcos Augen wieder zu leuchten. Glück hängt eben nicht nur davon ab, was du erwartest, sondern auch davon, was du aus den Umständen machst. Und dazu reicht es in diesem Fall, einfach den Blick zu heben.

Das Panorama könnte kaum großartiger sein. Im Westen, jenseits des Etschtals, leuchten die Gipfel der Brenta, im Norden die mit einer feinen Schneeschicht frisch bestäubten Gletscher des Alpenhauptkamms. Östlich schießen die Felswände der Latemar-Gruppe in den Himmel. Ein 32 Kilometer langer Rundkurs, die Tour del Latemar, führt einmal rund um das Bergmassiv. Wer sich die Kalkzacken aus der Nähe ansehen
und Körner sparen möchte, nimmt einfach die Bergbahn von Predazzo zum Satteljoch, und schon schrumpfen die stattlichen 1460 Höhenmeter bergauf auf gerade mal 350 Höhenmeter.

Neben dem großartigen Panorama kommen Marco und Caro auf der Passo Cugola Tour in puncto Fahrspaß schließlich doch noch auf ihre Kosten. Hinter dem Lavazé-Pass geht die Forststraße in einen engen,
steilen Weg über. Auf solchen Passagen wird’s nicht nur für manchen Biker knifflig, sondern auch für die Verantwortlichen für Biketrails im Trentino. „Offiziell dürfen Biker im Trentino nur auf Wegen radeln, die
mindestens so breit sind wie das Fahrrad lang ist“, erklärt Federico Milan vom Tourismusverband Val di Fiemme. „Das ist Gesetz.“ Gut, dass es auch Ausnahmen gibt ...

Flow: Glückstrails im Bikepark
So schnell hatten Caro und Marco die Bikes noch nie auf dem Heckträger verstaut. Es geht weiter. Das Val di Fassa hinauf nach Canazei, und noch einige Serpentinen höher zur Straße zwischen Sella- und Pordoi-Joch. Mächtigen Kathedralen gleich ragen die Felsmassive des Sella-Stocks in den Himmel. Spätestens seit sich die Sella Ronda per Bike von Südtiroler Seite aus zu einer Sommerattraktion mausert, tut sich auch auf der italienisch-sprachigen Seite im Trentino etwas.

Per Gondel geht’s von Canazei hinauf zum Gipfelgrat am Belverdere. 1000 Höhenmeter, die Bikepark-Boss William und seine Crew mit einem Four-Cross-Kurs und mehreren Freeride-Strecken garniert haben. Noch zählt der Bikepark Canazei nicht zu den größten in den Alpen. Aber mit Sicherheit zu denen mit dem schönsten Panorama.

Marmolada, Sella, Rosengarten – die Giganten der Dolomiten sind zum Greifen nach. Und auch die Abfahrten können sich sehen lassen. Flüssig und durch fein geshapte Anliegerkurven führt die erste Sektion zur Mittelstation Pecol. Danach tauchen die Trails in den steilen Wald hinab nach Canazei. Knifflige Wurzelpassagen und einige enge Haarnadelkurven wechseln mit flowigen Northshore-Passagen. Ein wahrer Katalysator
für die Ausschüttung der Glücksbotenstoffe Dopamin, Serotonin und Oxytin.

„Noch einmal?“ Caros Frage ist eigentlich überflüssig. Ihre leuchtenden Augen haben die Antwort schon längst gegeben. „Uhi“, sagt Marco. Auf Schwyzerdütsch heißt das kurz und knapp: „Hinauf!“ Seine Gesichtszüge lassen aber durchaus eine zweite Interpretation zu – den Ausdruck positiven Erstaunens.

Positiv denken: Traum-Trails und Traumkulisse
William ist mit seiner Arbeit so etwas wie ein Glücksbringer für die Bike-Szene rund um Canazei. Es war eine Menge Geduld und Überzeugungsarbeit nötig, bis er mit dem Bikepark-Projekt starten durfte – in einer Region, in der ja Singletrail-Biken per Gesetz eigentlich verboten ist. Doch William ließ nicht locker. Doch William ließ nicht locker. Mittlerweile hat er in den Verantwortlichen des Tourismusverbandes prominente Mitstreiter gefunden. Und inzwischen sorgt eine weitere Strecke zwischen Passo Pordoi und Arabba für noch mehr Glücksgefühle beim Biken.

Neben dem Fassa Bike Resort gibt es auch in San Martino di Castrozza einen Bikepark: In der San Martino Bike Arena gibt es Cross Country, Enduro und Downhillstrecken. Für William ist das längst noch nicht das Ende des flowigen Vergnügens. Er träumt vom Downhill-Worldcup. Die passende Location und die Streckenführung dafür, sagt er, habe er schon im Kopf.

Caro und Marco wollen den zweiten Run ruhig angehen und das Bergpanorama genießen. Doch gerade am Start angekommen, zieht es plötzlich zu, ein kalter Wind fegt um den Grat am Belvedere. „Positiv bleiben“, meint Marco und zeigt auf einen schmalen Silberstreifen am Horizont. Und tatsächlich: Kurz vor Sonnenuntergang kämpft sich die Sonne für ein paar magische Minuten durch die Wolken. Marcos und Caros Augen leuchten wie die tief stehende Sonne. Ein epischer Run in goldenem Abendlicht beginnt.

Natur pur: Biken im Valsugana
Mystisch, wie über einem Loch in den schottischen Highlands hängen die Wolken über dem Valsugana. Der Giro Val Campelle führt Caro und Marco auf der letzten Etappe des Trentino-Roadtrips in eine Gegend wie aus längst vergangenen Zeiten: kleine Dörfer, alte Burgen mit Mauern aus rohem Stein, karge Felsgipfel, üppige Wälder. Die perfekte Stimmung, um die Bergwelt mit Genuss aufzusaugen. „Glück ist ein Signal, das die Natur erfunden hat, um uns zu zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagt Stefan Klein. „Mit Glücksgefühlen werden wir dazu verlockt, Dinge zu tun, die gut für uns sind.“

Glücksmomente hatten Caro und Marco auf dieser Reise jedenfalls genug. Da Glück aber bekanntlich vergänglich ist, feilen sie schon an den Plänen für die nächsten Entdeckungen. Neue, spannende Ziele gibt es für Glücksritter unter den Bikern schließlich noch genug – auch im Trentino!

 

 

> Dolomiti Lagorai kompakt <

Die Region
Die Bikeregion „Dolomiti Lagorai Bike“ liegt im Trentino, inmitten einer der schönsten Bergregionen der Alpen. Sie reicht von den gewaltigen Felsmassiven der Sella im Norden bis zur Lagorai-Kette und zum Lago di Caldonazzo im Süden. 1000 Kilometer Bikerouten reichen vom Val di Fassa, Val di Fiemme, Valsugana und Primiero bis in hochalpine Regione San Martino di Castrozza auf über 2000 Meter Höhe. Viele der Routen führen über gut befestigte Forstwege. Ein Teil des Gebietes zählt zum Weltnaturerbe der UNESCO.

Auskunft

Übernachtung

Zahlreiche Unterkünfte aller Kategorien, detaillierte Infos bei den Tourismusverbänden Val di Fassa, Val di Fiemme, Valsugana ,San Martino di Castrozza, Primiero und Vanoi.
www.dolomitilagoraibike.it

Beste Reisezeit
Anfang Juni bis Ende September, je nach Wetter auch teils noch im Oktober, dann allerdings kein Liftbetrieb

Bikeparks

Singletrail-Fans können sich vor Ort in zwei Bikeparks austoben:

Biketransport für Tourenbiker teils auch mit den Seilbahnen im Val di Fiemme und Val di Fassa.

Bikeshops

Touren

  • Tour 1: Val Venegia – Segantini Hütte; Länge: 22,3 km; Höhenmeter: 690;Fahrtechnik: Leicht; Ausdauer: Mittelschwer; Strecke: Start ist kurz hinter dem Ende des Lago di Paneveggio in Richtung Rollepass (Parkplatz des Naturparks). Von hier auf Schotter ins Val Venegia und über Serpentinenstrecke hinauf zur Baita Segantini. Großartige Blicke auf die Felstürme der Pala-Dolomiten. Weiter in Richtung Rollepass, und kurz vor dem Pass abzweigen zur Malga Iuribello und über das Val Venegia wieder zum Ausgangspunkt.

 

  • Tour 2:Passo Cugola – Oclini; Länge: 40,3 km; Höhenmeter: 1150; Fahrtechnik: Mittelschwer; Ausdauer: Schwer; Strecke: Sehr schöne, aber anstrengende Strecke mit tollen Panoramablicken. Start ist im Zentrum von Cavalese, dann durch das Örtchen Carano und bei Cavello in den Wald bis zu den Wiesen der Lokalität Ganzaie. Hier beginnt die Steigung zum Cugola-Pass. Weiter zum Joch Grimm. Abfahrt über Verena nach Cavalese, anfangs auf einer Forststraße, nach dem Lavazé Pass auf einem engen, steilen Weg.

 

  • Tour 3: Stringo – Val Cia – Stringo; Länge: 87,3 km; Höhenmeter: 2966; Fahrtechnik: Mittelschwer; Ausdauer: Sehr schwer; Strecke: Anspruchsvolle Tour im Valsugana, die sich auch auf zwei Tage aufteilen lässt. Vielfältige und sehr ursprüngliche Landschaft rund um das Bergmassiv Cima d’Asta. Start ist in Strigno nahe Borgo. Dann vorbei am Rifugio Crucolo ins Val Campelle und in Serpentinen hinauf zum Passo Cinque Croci. Weiter ins Val Cia mit Übernachtungsmöglichkeit im Rifugio Refavaie. Über Caoria und den Passo del Brocon nach Tesino und zurück zum Ausgangspunkt.

 

  • Tour 4: Tour die Fassa– Sellaronda MTB Track Tour; Länge: 58 km; Höhenmeter: 450; Fahrtechnik: Mittelschwer; Ausdauer: Mittelschwer; Strecke: Die Tour bietet zwei mögliche Startpunkte: die Kabinenbahn Belvedere in Canazei oder die Seilbahn Col Rodella in Campitello di Fassa. Mit ihnen kommt man leichter auf die Dolomitenpässe Sellajoch, Grödnerjoch, Campolongo Pass und Pordoijoch. Bergab geht es auf Singletrails und teilweise auf Straßen. Die Tagestour ist nur mit Guide möglich. Für die Liftbenutzung benötigt man den Bikepass Sellaronda.