Reise

Reisetipp: Kitzbüheler Alpen

Berge ohne Schickimicki - Kitzbüheler Alpen

Kirchberg in Tirol, das sind weiche Wiesenhügel, schroffe Aussichten und pures Trailvergnügen. Die Locals sehen in ihrem Revier noch einiges an Potenzial.


Der Gaisberg-Trail startet flowig und vor der allgegenwärtigen aussichtsreichen Kulisse der Kitzbüheler Alpen.
 

Der Sessellift schaukelt den Gaisberg in Kirchberg in Tirol hinauf. Auf der hügeligen Wiese unter mir grast eine Kälberherde. Die Glocken um ihre Hälser bimmeln melodisch im Takt ihrer Kopfbewegungen. Von oben betrachtet ähneln die Kitzbüheler Alpen dem Hobbingen aus den Herr der Ringe Filmen: Grüner Grashügel reiht sich an grünen Grashügel. Als hätte Maler Bob Ross gerade erst Töpfe mit frischer Farbe über sie ausgekippt. Und über allem scheint die Sonne, als sei sie dazu da, die frischen Hügelfarben zu trocknen. Reflexhaft suche ich nach den Holztüren, die zu den Hobbits unter die Erde führen. Idylle pur. Und das Öffentlich-Rechtliche Abendprogramm hat die Gegend um den Wilden Kaiser und das Kitzbüheler Horn schon vor langer Zeit als Drehort entdeckt. Man denke nur an Bergdoktor Martin Gruber oder SOKO Kitzbühel.

Abrupt reißt mich der Lift aus der Landschaftsträumerei. Ich bin oben. Und mit mir meine Begleitung: Kurt Exenberger, 41 Jahre alt, vormals Straßenrenn-Profi, jetzt Leiter der Bikeacademy in Kirchberg und Streckenchef des Kitzalp Marathons. Er möchte mir sein Bikerevier zeigen. Und das heißt erstmal, wer als Biker den Gaisberg erklimmt, kommt um sie nicht herum: Lisi Osl, die aktuell auf Platz 35 der UCI-Liste gerankte einheimische Profi-Fahrerin. Sie hat schon 2009 bewiesen, was sie drauf hat, als sie den Gesamtweltcup-Sieg in ihre Heimat holte. Zur Anerkennung hat man zwei Jahre später einen Trail nach ihr benannt. Und gebaut hat diesen niemand anderer als ihr ehemaliger Trainer Kurt Exenberger.

Der Einstieg zum Gaisbergtrail: Der Austragungsort der Österreichischen Downhill Meisterschaft 2014.

Links vom Liftausstieg markiert ein großer Holzbogen den Streckenbeginn. Auf der gegenüberliegenden Seite des Lifts beginnt der downhill-lastigere GaisbergTrail. Dieser war 2014 Austragungsort der Österreichischen Downhill Meisterschaft. Doch die Abfahrt heben wir uns für später auf. Jetzt zögern wir nicht lange und starten in die kurvenreiche Strecke des Lisi-Osl-Trails, die über 450 Tiefenmeter bergab führt. Hinter kleinen Kuppen verstecken sich immer wieder Wurzelfelder, die volle Konzentration fordern. Vor einer Rechtskurve hält Kurt an und zeigt mir eine Abkürzung für Mutige: Hier kann, wer will, zu einer kleinen Steilfahrt abzweigen. Ich staune nicht schlecht, während Kurt samt Bike senkrecht in die Tiefe kippt. Dann geht’s weiter. Kurve rechts. Kurve links. Bis der Trail plötzlich zu Ende ist. Weil es uns aber noch in den Fingern kribbelt, fahren wir gleich wieder hoch, biegen aber diesmal auf die Downhillstrecke ab.


Gemütliche Tour oder adrenalingesteuerte Abfahrt mit Airtime: Am Gaisberg kann jeder machen, was ihm gefällt.

 

Flow und Trailkühe

Doch nicht nur trailhungrige Liftfahrer fühlen sich am Gaisberg wohl. Von Kirchberg aus führt ein Radweg in Richtung Westendorf. Wer ihm folgt, gelangt anschließend über Forststraßen 300 Höhenmeter hinauf zur Wiegalm, und von dort zum Wiegalm-Trail, der das „Gaisberg Biking“-Angebot komplett macht. Der sehr flowige und für trailunerfahrene Biker leicht zu fahrende Weg führt hinunter bis nach Rettenbach. Wir sind aber erstmal hungrig. Und an geeigneten Almen für eine Einkehr mangelt es der Gegend wahrlich nicht. Kurt kennt sich aus und lotst zur Kobinger Hütte unterhalb des Gaisbergs. Besonders zu empfehlen: Röstl und Kaiserschmarrn. Die kann man sich in der gemütlich heimeligen Atmosphäre auf der mit Holzbänken und -tischen rustikal ausgestatteten Terrasse schmecken lassen. Aussicht aufs Kitzbühler Horn und den Wilden Kaiser gibt es auch hier gratis dazu. Die schroffen Berge mit den weichen Wiesenhängen vor sich wirken auf den Betrachter wie ein Gemälde. Und davon, das Kitzbühel das Winterimage des Skiparadieses der Schönen und Reichen mit sich herumträgt, ist jetzt am Sommeranfang nichts zu sehen. Auf der Terrasse sitzen Wanderer und Biker in höchst unauffälliger Kleidung. Kein Schickimicki weit und breit.

Alle Trails sind gut ausgeschildert in Kitzbühel...

... und die Lifte bieten einen kostenlosen Biketransport an.

Frisch gestärkt folgen wir dem Schotterweg 150 Höhenmeter bergab und zweigen dann auf eine Wiese ab. Hier starten wir in den Wiegalm-Trail und lassen es gleich richtig laufen. Ein bisschen fühlt es sich an, als würde ich samt Bike über den Trail fliegen, geradewegs zum Großen Rettenstein, der vor uns in der Ferne zu sehen ist. Braun-weiß gefleckte Kühe schauen uns vom Trailrand aus neugierig zu, als wir sie vorsichtig passieren. Ab jetzt wechseln sich Wald- und Wiesenstücke ab. Es hätte ewig so weitergehen können, aber es gibt noch viel zu entdecken.

 

Trailbauer Werner

Die größte Attraktion hat Kurt mir bisher nämlich noch vorenthalten. Am Gaisberg-, am Lisi-Osl-, und am Fleckalm-Trail fand 2015 die Enduro Europameisterschaft statt. Der Fleckalm-Trail gilt als längster gebauter Singletrail Tirols. Die Abfahrt ist sieben Kilometer lang und dauert etwa 45 Minuten. Und die will ich mir natürlich auf keinen Fall entgehen lassen. Um das Trail-Triplett komplett zu machen, steuern wir deshalb am nächsten Tag gleich als Erstes die Fleckalm Bahn an. Auch hier gilt: Wer auf den Lift verzichten will, kann ganz gemütlich die Forststraße zur Gipfelstation auf 1797 Meter über dem Meer hochtreten. Von dort führt ein Schotterweg zum Trail einstieg. Das erste Waldstück fordert direkt mit einer technischen Wurzelpassage. Dann hält Kurt an. Auf dem Boden vor den Fahrradreifen verläuft eine Ameisenstraße und direkt neben dem Trail haben die Insekten einen stattlichen Haufen gebaut. „Der müsste eigentlich fünf Meter von den Trails entfernt sein“, erklärt Kurt die Naturschutzauflagen. Die Ameisen ahnen von dieser Vorgabe zwar nichts, doch ihr Haufen wird wohl bald umgesetzt.


Flowig geht's durch grüne Wiesen bergab.


Wir kurven ein kurzes Stück weiter durch Anlieger und über ein Wiesenstück. Auch hier grasen Kühe gemütlich am Trail. „Ciao Mädels“, ruft Kurt ihnen im Vorbeifahren zu. Keine zwei Minuten später stoßen wir auf einen Kerl in schwarzer Latzhose, blauem Kapuzenpulli und von Lehm überzogenen Bergstiefeln. Mit einem Hammer klopft er gerade Pfosten in den Boden. „Hey Werner“, begrüßt ihn Kurt, „da oben geht ’ne Ameisenstraße übern’ Trail.“ Werner grinst: „Ah, ich glaub, da hab ich das letzte Mal Jause gemacht“, sagt er, holt einen Apfel aus der Tasche und beißt hinein. Werner ist Trailbauer und somit quasi der wichtigste Mann – nicht nur – am Fleckalm-Trail. Er kümmert sich um die Pflege aller gebauten Trails der Gegend. Gerade steckt er Wegmarkierungen für den anstehenden Kitzalp Marathon ab, „sonst kürzen die Fahrer über die Wiese ab“, erklärt er.

 

Werners Trailträume

Trailbauer Werner und sein fahrender Unterschlupf.
In der Nähe parkt sein Mercedes Transporter: Unten drin sein Werkzeug und darüber ein selbstgebautes Bett. Denn wenn die Gondeln für die Mountainbiker öffnen, hat Werner schon seit der Schneeschmelze täglich acht bis zehn Stunden am Berg verbracht. Da bleibt er auch mal über Nacht am Trail. An schönen Wochenenden kommen etwa 300 Biker allein, um den Fleckalm-Trail zu fahren, darunter auch viele Locals. Einmal in der Woche starten sie gemeinsam zum Nightride. „Früher gab es keine lässige Abfahrt, jetzt kannst du den Fleckalm-Trail nach Feierabend fahren“, sagt Werner. Sein Traum ist es, das ganze Tal mit Trails ausbauen zu dürfen. Es gäbe ein großes Potenzial, insbesondere für „Shared Trails“, denn gerade im Brixental seien viele Wanderwege wenig begangen.    

Auch jetzt gibt es schon unzählige Tourenmöglichkeiten, sagt Kurt. „Auf jeden Berg führen Forststraßen, und bei einem Blick in die Wanderkarten findet man viele technische Naturtrails zum Abfahren.“ Es schade nicht, sich vor einer Tour bei lokalen Bikern über die Duldung zu informieren. Zudem können etliche Touren durch die Liftnutzung unterstützt werden. Wir verabschieden uns von Werner, der größte Teil des Fleckalm-Trails liegt schließlich noch vor uns. So geht es weiter durch Anlieger, märchenhaft anmutende Waldabschnitte, über Wurzelpassagen und enge Kurven. Der Trail scheint unendlich zu sein. Wir meistern kleine Gegenanstiege im Wald und Wasserdurchfahrten. Wer die sieben Kilometer herunterfährt, braucht Kraft und Ausdauer, vor allem, wenn er ohne viele Pausen unten ankommen will. Nicht verwunderlich also, dass nicht nur Endurorennen, sondern auch der Kitzalp Marathon hier ausgetragen werden.


Traillandschaften wie sie im Buche stehen...

Die Strecke mündet schließlich direkt in den Parkplatz der Talstation, wo auch Kurt seinen Bikeshop hat. Dort belohnt er uns jetzt mit einer Tasse Kaffee. Ich schüttele noch meine Arme aus, während er erzählt, dass er mit 16 Jahren die Idee hatte, eine eigene Bikeschule zu gründen. Damals arbeitete er noch als Skilehrer. „Da gab es erst wenig Mountainbikes, aber ich habe gedacht, dass das Skischulenkonzept auch mit Bikes funktionieren muss.“ Sieben Jahre später war die Bikeacademy geboren. In der Hochsaison beschäftigt Kurt inzwischen zwölf Mitarbeiter.


Förster auf dem Lisi-Osl-Trail

Mittlerweile ist Kurt auch Teil der Arbeitsgruppe Bergwelt Tirol. Im Gespräch mit Jägern, Förstern und Gründstückseigentümern versucht er zu vermitteln, und mit ihnen Konzepte zu entwickeln, um durch gezielte Nutzerlenkung Gebiete zu entlasten. „In der Region ist der Wille da, mehr zu machen“, erzählt er, „im Herbst will ich mit dem Tourismus bei Brixen einen neuen Trail bauen.“ Die Abteilung Forst der Tiroler Landesregierung hat für 2016 eine Million Euro als Förderungen für neue Singletrails bereitgestellt. Und erst kürzlich war Österreichische Forsttagung. 20 Förster kamen zur angebotenen Exkursion „Faszination Mountainbiken – auf dem Lisi-Osl- und GaisbergTrail“. Kurt hatte zum gemeinsamen Fahrtechniktraining eingeladen. Und mit der Hälfte der Förster ist er danach den Lisi-Osl-Trail gefahren. Sie hatten Spaß.


 Pause auf der Kobinger Hütte am Gaisberg, im Hintergrund: der Große Rettenstein.
 

KITZBÜHELER ALPEN KOMPAKT

Allgemein

Die Region Kitzbüheler Alpen erstreckt sich vom Wilden Kaiser im Norden bis zum Nationalpark Hohe Tauern im Süden, sowie vom Inntal im Westen bis ins Pillersee Tal im Osten.

Anreise

Mit dem Auto: Von München (120 km): A8 in Richtung Salzburg. Ab Inntaldreieck: A93 in Richtung Innsbruck. In Österreich auf die A12. Ab Anschlussstelle Wörgl Ost in Richtung Brixental und der Beschilderung zum Zielort folgen.
Mit der Bahn: Mit dem Europa-Spezial ab 39 Euro, z. B. München bis Kirchberg/Kitzbühel!


Bikeshop und Guiding

Die Bikeacademy von Kurt Exenberger gibt es seit 1999. Das Angebot umfasst unter anderem Bikecamps, Fahrtechniktraining, Touren Guiding und einen Verleih. Der Shop befindet sich direkt neben der Talstation der Fleckalmbahn. Klausen 10, 6365 Kirchberg in Tirol. Telefon: 0043-664 9597970, ride@bikeacademy.com. Aktuelle Öffnungszeiten auf der Homepage: www.bikeacademy.at


Biken

Fleckalm Trail: Länge: 7 km, Schwierigkeit: S2, Fahrzeit: circa 45 Minuten
Gaisberg Trail: Länge: 2,3 km, Schwierigkeit: S2 bis S3, Fahrzeit: circa 15 Minuten
Lisi Osl Trail: Länge: 2,3 km, 450 Hm, Schwierigkeit: S1 bis S2, Fahrzeit: circa 20 Minuten
Wiegalm Trail: Länge: 1,6 km, Schwierigkeit: S2, Fahrzeit: ca. 15 Minuten
Touren: http://maps.kitzalps.com


Transport

Kostenlose Bike-Mitnahme in folgenden Gondeln:
In Kitzbühel: Gaisberglift, Fleckalmbahn, Panoramabahn Kitzbüheler Alpen.
Im Brixental: SkiWelt Wilder Kaiser-Brixental: bei allen Liften
Bergbahnangebot
Kitz Trail Card für Lisi Osl-, Gaisberg- und Fleckalm-Trail (Biketransport inkl.): Tagesticket: 42 € Erw., 31,50 € Jugendl. 17,50 € Kind.
Downhiller Unlimited Gaisberg Tagesticket: 30,50 € Erwachsener, 23 € Jugendlicher 15,50 € Kind.


Bike Events

- Bike four Peaks – MTB Etappenrennen in Kirchberg in Tirol
- MTB HillClimb Brixen im Thale
- 22. Internationales KitzAlpBike Mountainbike-Festival
- E-Bike Festival im Brixental


Reiseinfo

www.kitzbueheler-alpen.com

Quelle: 

TEXT: ISABELL RIDDER | FOTOS: CHRISTIAN THAROVSKY

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