Reise

Raus und rauf: Das Tiroler Wipptal und seine Seitentäler

Das Wipptal und der Brenner-Pass waren seit jeher eine der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen der Alpen, und der Brenner sogar der meist frequentierte Alpenpass. Schon Kaiser Septimus Severus ließ um 200 n. Chr. alte, unbefestigte Pfade mit der „Via Retia“ ausbauen. In den 60er-Jahren bekam das Wipptal dann die Brenner-Autobahn aufgedrückt. Damals ahnte man noch nichts von transitbedingten Verkehrsproblemen in der EU. Denn die zum Brenner und weiter nach Italien führende Autobahn ist heuteda sind sich viele Tiroler einigFluch und Segen zugleich.

Segen, da man sehr schnell an die Starts der schönsten Touren rund um das Wipptal oder auch zum Bike-Park Berger Alm gelangt. Fluch aufgrund des Transits und der damit verbundenen Umweltbelastung, die immer wieder Gegner und Umweltorganisationen auf den Plan ruftFakt ist: Viele Biker kennen das Wipptal wirklich nur von der Durchreise nach Italien – und da entgeht ihnen ein riesiges Tourengebiet, das für jeden etwas bereithält.

Charakteristisch für alle „Wipptal-Touren“ sind die schönen, einsamen Bergmähder, die sich oberhalb der Baumgrenze auftun. Diese Touren in den Stubaier Alpen und am Westrand der Zillertaler Alpen bieten alle Eigentümlichkeiten des urwüchsigen, aber doch gut erschlossenen Tiroler Landes. Wunderschöne weite Hochlandschaften, die man in ihrer Schönheit erst wieder weit unten in Südtirol findet, gemütliche Almen oder Hütten laden zur Einkehr und zum Innehalten. Vom geschäftigen Verkehr im Tal ist dort oben nichts zu hören oder zu sehen.

Durch die Weitläufigkeit des Gebiets gibt es viele Möglichkeitendaher stellen wir hier nun acht sehr abwechslungsreiche Touren exemplarisch vor.  

Unwetter und ein feiner Trail am Bentlstein
Als ich an einem schwülen Juli-Tag ganz früh zu Sonnenaufgang von Mauern bei Steinach am Brenner auf die Forststraße zur Spörralm rolle, bin ich von den bisherigen Unwettern der letzten Wochen leicht genervt und sehr vorsichtig geworden. Auf fast jeder Tour sind wir seit einem Monat „eingewassert“ worden, wie der Tiroler sagt. Ich bin gespannt ob, es diesmal reicht.

Gemütlich kurble ich die knapp 800 Höhenmeter zur Spörralm hoch, mit einem Auge auf das Wetter schielend. Bei der Alm ist der Forstweg zu Ende, ich schultere das Bike und wandere auf dem Trail zum Schröflkogel. Nach einer halben Stunde komme ich in die baumfreie Zone – bei einem Fels lugt neugierig eine Gämse ums Eck. Nach einiger Zeit kommt eine unbewirtschaftete Almhütte, lädt zur Rast, Jause und Wetterbegutachtung ein.

Es ist schwül. Das Wetter schaut nun nicht mehr so gut aus, über dem Stubaital ziehen sich Wolken zusammen. Ich packe rasch zusammen, ziehe mich abfahrtsbereit um und renne noch die 400 Höhenmeter zum Bentlstein hoch. Über dem Inntal schaut der Horizont nun denkbar grau in grau aus. Oben angekommen fackle ich nicht lang herum, die Singletrailabfahrt bis über die Spörralm ist in Rekordzeit absolviert, dennoch reicht es nicht.

Kurz oberhalb der Alm erwischt mich dann doch ein Gewitter, Weiterfahrt nicht anzuraten ... ich finde den offenen Heustadl, den ich mir beim Hochgehen sicherheitshalber angesehen hatte, kauere mich in der Hocke auf meinen Rucksack und suche Schutz. Das Bike ist in weiter Distanz abgelegtweg mit dem Metall. Nun blitzt, kracht und donnert es rundherum, Starkregen prasselt über die Landschaft, die Welt geht beinahe unter. Aber schon nach zehn Minuten ist der Spuk vorbei, und es reißt auf, die Sonne scheint wieder.

Ich bin mir gar nicht sicher, ob an der Stelle, wo ich das Bike abgelegt habe, nun ein rauchender, geschmolzener Metallhaufen auf mich wartet. Doch Gottseidank: stattdessen glänzt mir der im Wolkenbruch gewaschene Rahmen zu. Die zu Beginn zuerst technische Abfahrt (dieser Teil kann über die Forststraße umfahren werden) wird dann immer flowiger, über Singletrails- und Karrenwege rolle ich durch dampfende Wälder hinab ins Tal.

Trailcheck am Hochgeneinerjoch
Eine Woche später treffe ich Christof, Vertrider und Touren-Gourmet aus Innsbruck. Die Gewitter-Saison scheint beendet zu sein. Gemeinsam wollen wir nun das Hochgeneinerjoch auskundschaften. Es ist ein Aussichts-Joch unter dem 2300 Meter hohen Sumpfkopf. Es ist in Blickrichtung Osten der Berg rechts vom Bentlstein, auf dem mich das Gewitter in der Woche zuvor „eingewassert“ hatte – und keine Angst, anders als sein Name sagt, ebenfalls ein wunderschöner Aussichtsberg.

Von St. Jodok am Brenner gewinnen wir am Hochgeneinerhof vorbei auf einer Forststraße in östlicher Richtung so lange an Höhe, bis wir zum „Knoten“ kommen. Von dort traversieren wir über einen buckligen Trail zum Joch und hiken noch zum Sumpfkopf. Das 360-Grad-Bergpanorama da oben kann sich sehen lasssen: Hoher Riffler, großer Kaserer, Olperer, Fussstein, Hohe Wand, Schrammacher, die Tribulaune ... Tiroler Berglegenden, wie an einer Perlenschnur aufgefädelt.

Die Singletrail-Abfahrt zum Hochgeneinerjoch ist nicht sonderlich schwierig, zwei neugierige Haflinger Pferde inspizieren am kleinen See ganz genau unsere Bikes. Doch ab dem Joch fällt der Steig sehr steil und technisch zum Hochgeneinerhof ab, um dann spaßig nach St. Jodok zurück zu führen. Summa summarum eine anspruchsvolle Tour für Trail-Spezialisten.

Trailtraum am Tribulaunhaus
Eine meiner absoluten Lieblingstouren führt mich Tage später mit Ludi Scholz, einer bekannten Innsbrucker Alpin-Freeriderin, ins Gschnitztal. „Tribulaunhaus“ (genauer gesagt, das Österreichische) heißt unser Tourenziel, es ist eine Naturfreunde-Hütte, malerisch eingebettet in die Bergwelt unterhalb der Tribulaune. Diese urigen Berggestalten sind drei markante Gipfel der Stubaier Alpen (Gschnitzer, Obernberger und Pflerscher Tribulaun) am Alpenhauptkamm zwischen Österreich und Italien (Südtirol). Wie ein kleines Adlernest sitzt das Tribulaunhaus dabei auf einer Terasse unter dem 3000er Pflerscher Tribulaun.

Doch die Auffahrt zur Hütte ist nur bis zum letzten Drittel normal, danach wartet die berüchtigte „Rampe“, die fast bis zum Schluss steil und fordernd zur Hütte führt. Dafür servieren die bikefreundlichen Wirtsleute dann oben beste Kost. Man ist als Biker dort gerne gesehen.

Von der Hütte führtfür den der’s will – schließlich ein traumhafter, aber ab dem Mittelteil sehr technischer Trail nach Osten zurück zum Parkplatz im Tal. Tipp: Wer technisch nicht versiert ist, kann in der Mitte der Trailabfahrt linker Hand bei der Brücke den Bach queren (bergauf kommt man an derselben Stelle vorbei) und auf der Forststraße retour fahren.

Kleinod Obernberger See und Lärchenwiesenweg
„Rums“, kracht es. Weißer Rauch geht am Parkplatz des Obernberger Sees auf. Tiroler Standschützen feiern, ein Umzug findet statt, die Musi spielt auf. Irgendwas gibt es immer bei den Standschützen zu feiern und zu ehren. Ich komme gerade vom wunderschönen Obernberger Lärchenwiesenweg (fantastische Option: Hike zum Lichtsee) und bin im Schwung, noch kurz den 200 Höhenmeter-Abstecher zum Obernberger See zu machen.

Ein  Abstecher, der sich rentiert. Wie ein blaues Juwel liegt der See in einem Talkessel, der zum Süden her mit dem Portjoch von Südtirol getrennt ist. Ein prähistorischer Bergsturz mit der darauf erbauten Kapelle Maria am See gibt ein mehr als pittoreskes Bild ab, im Moment baumeln aber einfach nur meine Füße im klaren Wasser des Bergsees. Wer es ganz genau wissen will, könnte übrigens über das Sandjöchl (Tragestrecke) sogar auf die Brennergrenzkammstraße auffahren. Doch das ist eine andere Geschichte.

Almenrunde und ein neuer Singletrail bei Navis
Ein weiteres wunderschönes Seitental des Wipptales ist das Navistal. Mit meinem Kumpel Christian Piccolruaz, ebenfalls aus Innsbruck, statte ich dem Hochtal über Matrei am Brenner einen Besuch ab. Dazu fahren wir entspannt mit dem Postbus von Pfons ans Ende des Tales.

Denn „Picco“, wie er seit vielen Jahren in der Szene bekannt ist, hat mit seiner Trailbaufirma „Trail Solutions“den Singletrail unter den Mislböden auf Vordermann gebracht. Die „Almenrunde“ Nr. 520 von der Stöcklalm, Naviser Hütte, Poltenalm, Vögeleralm, Tischleralm hin zur Peeralm ist für sich allein schon wirklich sehenswert und durchaus anspruchsvoll. Uns geht es aber um den neuen Singletrail Nr. 522 von der Seapen Alm (etwas über der Peeralm) über die Fritzenalm zur Frontalalm, den wir über die Grühne Mühl anfahren.

Der Trail ist ein Gedicht und fließt von der Seapenalm mit bester Aussicht über die Mislalm zur Frontalalm. Schade, dass es dann auf einer Forststraße retour nach Pfons geht, aber der Singletrail ist definitiv ein Anfang!

Geniale Landschaft um Blaserhütte und Padasterjoch
Es ist ein goldener Herbst! Mit Gordon und Vincent bin ich zu einem „Doppelpack“ verabredet. Das malerische Gschnitztal bietet mit dem Talort Trins den Startpunkt zu gleich zwei legendären Touren. Die Blaserhütte, hoch über dem Wipptal gelegen, bietet legendäre Ausblicke über das Inntal, Wipptal, Gschnitztal und zur Serles. Einen Berg weiter liegt das Padasterjochhaus, sanft eingebettet am Ende eines malerischen Talkessels.

Die Innsbrucker Vertrider haben zu beiden Seiten legendäre Erstbefahrungen gemacht. Doch wir treten erst mal gemütlich zum Padasterjochhaus hoch. Eine durchaus anspruchsvolle Tour, die mit einem Bonus wartet: Denn von der Terrasse des Hauses sieht man an klaren Tagen am Horizont doch tatsächlich Piz Boé, Punta Penia, Sasso di Valfredda, Langkofel und Plattkofel. Neben sämtlichen Tribulaunen, der Garklerin, dem Kirchdach, Peilspitze, Geier, Lizumer Reckner, Bentlstein (wir erinnern uns ), hoher Riffler, Olperer, Fussstein, Hochfeiler, Cima Rossa, Punta Rossa, Wilde Kreuzspitze, Amthorspitze und und und ... Hier beschwert sich niemand mehr über mangelndes Panorama. Von der Hütte führt in Richtung Osten zur Belohnung ein wunderschöner, aber teils anspruchsvoller Steig wieder ins Tal.

Am nächsten Tag rollen wir gut gelaunt zur Blaserhütte hoch. Auch hier wieder ein Traumpanorama und Einsamkeit pur auf Tour. An einem bestimmten Abschnitt der Tour haben wir fast freie Sicht aufs Karwendel und die Tuxer Alpen. Weit oben dann die verdiente Rast an der Hütte. Malerisch, majestätisch thront die Serles, der heilige Berg der Tiroler, vor unseren Nasen. Gleich drei Abfahrten liegen nun als Wahlmöglichkeit vor uns: eine anspruchsvolle Singletrail-Abfahrt nach Maria Waldrast, ein extra für Biker frisch gebauter Singletrail in die Trinser Mähder und ein Trail retour zu unserem Startpunkt nach Trins.

Wir entscheiden uns für letzteren, gerade auch weil die Hütte schon geschlossen hat und wir keinem Wanderer mehr begegnet sind. Die Abendsonne taucht Olperer, Schrammacher, Hohe Wand und Kraxentrager
in rotes Licht. Wir tauchen ein in den Trail. Tief unten irgendwo im Tal rauscht wohl die Brennerautobahn und auf ihr ahnungslose Biker, die eine Menge Hammertouren verpassen. Wir nicht.

> Wipptal kompakt <

Allgemeines:
Das Wipptal mit seinen Seitentälern ist ein Riesenareal, und wir haben nur einen kleinen Teil der Tourenmöglichkeiten beschrieben. Die Region steht, was Bike-Touren betrifft, in manchen der Täler teilweise auch erst am Anfang der Entwicklung, hat aber ein Riesenpotenzial. Gute Kartenleser finden abseits offizieller Routen aber ohnehin sehr viele Tourenmöglichkeiten.

Doch bitte beachten: Biker sind in Tirol auf Wanderwegen nach wie vor „geduldet“deshalb: Wanderer haben Vorrang. Immer auf Sicht fahren, bei Gegenverkehr freundlich ausstellendann gibt es auch im Gebirge keine Probleme.

Auskunft:
Tourismusverband Wipptal, www.wipptal.at

Bike-Guides:
www.Mc2alpin.at, www.yellowtravel.net

Übernachtung/Hütten
www.padasterjochhaus.at, www.trins-tirol.at/trins_engl/salmen/tribulaunhaus.htm, www.trins-tirol.at/salmen/blaser.htm

Touren: