Reise

Königswege in die Piratenbucht: La Palma Freeride

La Palma, die nordwestlichste der kanarischen Inseln, war für Seefahrer jahrhundertelang die letzte Bastion der alten Welt auf dem Weg ins Unbekannte. Wer die Insel hinter sich ließ, auf den wartete mehrere Wochen ausschließlich Wasser. La isla bonita, die schöne Insel, wird sie dank der üppigen Vegetation auch von ihren Bewohnern genannt.

Wunderschön auch für Biker. Denn hier warten nicht nur der ewige Frühling, sondern auch schier unzählige Abfahrten vom 2426 Meter hohen Roque de los Muchachos bis direkt ans Meer. Zudem ist La Palma der krasse Gegensatz zu den Nachbarinseln Gran Canaria oder Teneriffa. „Sehr individuell, ohne Bettenburgen, dafür ein bisschen hippimäßig“, charakterisiert Trek-Gravity-Girl Steffi Marth die Insel. Seit drei Saisonen arbeitet sie über den Winter als Bike-Guide auf der Insel und ist nach wie vor völlig begeistert von den Bike-Möglichkeiten.

„Steile, enge Trails, loses Geröll – alles ziemlich anspruchsvoll“, so ihre Analyse. Vom Gipfel des Roque bis hinunter an den schwarzen Strand brauche man auch „mit viel Speed mindestens zweieinhalb Stunden“. Eine Besonderheit ist der Untergrund: Vulkangestein gepaart mit Sand. „Ich bin vorher noch nie auf einem vergleichbaren Untergrund gefahren“, sagt Steffi.

Abenteuer Poris de Candelaria
Ein Trail fasziniert das Gravity-Girl ganz besonders. Bei Tijarafe im Westen der Insel schlängeln sich alte mit groben Lavasteinen gepflasterte Karrenwege an der Steilküste hinab ans Meer. „Es ist eine der abenteuerlichsten Abfahrten, die ich je gemacht habe“, schwärmt Steffi. Kein Wunder, führt der steile Pfad direkt in die Poris de Candelaria, die Piratenbucht.

Eine Abfahrt mit einem riesigen Haken. Einmal unten angekommen, geht es zurück nur über eine steile Rampe, rund 600 Höhenmeter bis zur Hauptstraße. „Hier die Bikes wieder hochzuschieben, wäre
schon ziemlich mühsam. Es ist wirklich abartig steil“, sagt das Gravity-Girl aus eigener Erfahrung. Die Lösung für einen entspannteren Abschluss der Tour in die Piratenbucht finden sie und Bike-Partner Daniel Schäfer im Fischerdörfchen Tazacorte. Dort dümpeln die kleinen, bunten Fischerboote im Hafen.

Ob die Seemänner sich auf das Abenteuer Piratenbucht einlassen? „Nach lautstarken Verhandlungen mit den Fischern nahm uns einer der Männer mit in eine kleine Hafenbar und stellte uns seinen Vater vor.“ Der alte Fischer erklärte sich bereit, die beiden samt Bikes mit seinem Kutter „S. José“ am Abend in der Candelaria abzuholen.

Das Messer muss man nicht gerade zwischen den Zähnen haben, aber der sogenannte „Camino real“, der Königsweg, ist eine wahre fahrtechnische Aufgabe. „Diese Abfahrt ist wirklich anspruchsvoll. Neben einer guten Fahrtechnik kann eine Portion Mut nicht schaden“, sagt Steffi. Da heißt es, schön locker bleiben, denn Absteigen gilt nicht. Hinter Tijarafe beginnt ein Wanderweg, der sich schon nach einigen Metern in einen anspruchsvollen Trail verwandelt.

Der Weg ist teils gepflastert, aber teilweise auch sehr ausgesetzt. „Wenn ich nach einer kniffligen Kurve einen kleinen Blick aufs Meer oder in die Bucht werfen konnte, kribbelte es im Bauch vor Aufregung“, erinnert sich Steffi. „Daniel hat sein Bike zwar immer virtuos unter Kontrolle, aber ich denke, dass diese Abfahrt auch für ihn etwas ganz Besonderes war.“

Freeride-Genuss mit spitzen Panorama
Trotz Abfahrtsspaß lohnt es sich, immer wieder kurze Pausen zu machen und den Blick über die Steilküste bis zum Horizont zu genießen. Sonne, Meer, das fantastische Licht. Freeriden ist manchmal auch Genuss. Zumal das letzte Teilstück noch einmal volle Konzentration von den Fahrern fordert. Ein schmaler Pfad windet sich an den Felsen entlang. Auf der linken Seite geht es ins Leere, viele Meter unterhalb donnert die Brandung an die schroffen Felsen. Der Weg wird nur durch ein dünnes weißes Tau begrenzt. Fahrfehler werden hier nicht verziehen.

Eine langgezogene Rechtskurve lenkt den Blick auf die Poris de Candelaria. In der kleinen Bucht drängen sich ein paar kleine Hütten an die schwarze Felswand. Der weiße Putz blättert von den Wänden, die bunten Fensterläden sind fest verschlossen. Dieser Ort hat definitiv schon bessere Zeiten erlebt. Fehlt nur, dass die „Black Pearl“ vor Anker liegt und Captain Jack Sparrow aus einer der Hütten wankt. „Trinkt aus Piraten, yoho.“Dann wäre die düstere Atmosphäre perfekt.

Aber jetzt, im Winter, ist die Bucht wie ausgestorben. „Wenn ich dort unten übernachten müsste, hätt' ich glaub' Angst“, meint Steffi. Übernachten müssen Steffi und Daniel in der Piratenbucht nicht. Denn statt der „Black Pearl“ wartete glücklicherweise die „S. José“ und ihr Kapitän auf die beiden.

> La Palma kompakt <

Bike-Hotspots:
Der Roque de los Muchachos ist mit seinen 2426 Metern die höchste Erhebung La Palmas. Von dort oben gilt: Viele Wege führen zum Strand. Trail-Abfahrten mit mehr als 2000 Tiefenmetern. Aber nicht nur die Trails rund um den Roque de los Muchachos sind atemberaubend, über die Insel verteilt lauern vielfältige Bike-Abenteuer, von der Dschungel Abfahrt im Norden bis hin zum Lavasandspielplatz im Süden.

Anreise:
Direktflüge nach Santa Cruz de la Palma von Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, München und Stuttgart (alle ca. 5 Stunden).

Optimale Reisezeit:
Für Biker beginnt die Saison auf La Palma Anfang November und geht bis Anfang April. Ganzjährig frühlingshaftes Klima. Der Gebirgszug, der die Insel von Nord nach Süd trennt, wirkt als Wetterscheide. Im Westteil der Insel ist es trockener und schöner.

Tipps:
Singletrails auf La Palma sind teilweise sehr anspruchsvoll, teilweise führen die Trails und Wanderwege durch Naturschutzgebiete, wo Biken verboten ist. La Palma-Neulinge haben mit einem Guide mit Sicherheit mehr Spaß. Das Vulkangestein fordert Mensch und Maschine: Pannenschutz und Erste-Hilfe-Set sind deshalb obligatorisch, Protektoren mit einpacken. Die Kanareninsel liegt auf Höhe der Sahara. Deshalb gilt auch im Winter: Sonnenschutz ist Pflicht. Wegen den wechselnden Wetterverhältnissen in den Bergen sollte aber auch eine Regenjacke nie fehlen.

Unbedingt: Den Trail-Spaß gemütlich am Nachmittag am Strand ausklingen lassen, beispielsweise am Playa Nueva, oder im legendären Thai Restaurant in der Hüttensiedlung La Bombilla (beides unweit nördlich von Puerto Naos). Wer sich am Wochenende ins Nachtleben stürzen möchte, findet gleichgesinnte Biker in den Bars der größten Stadt der Insel, Los Llanos, die in nur 15 Minuten mit dem Bus aus Puerto Naos erreichbar ist.