Reise

Biking con gusto: Unterwegs bei und mit den Profis

Bergab auf Teer- oder Forststraße. Das ist sinnlose Vernichtung von Höhenmetern“, sagt Armin Pomella im tiefsten Brustton der Überzeugung. Armin ist ausgebildeter Bikeguide und unterhält mit dem Traminer Hof ein sensationelles Bikehotel. Und das ist ihm nicht in den Schoß gefallen. Armin ist ein Typ, der den Stier bei den Hörnern packt und weiß, was Biker brauchen. Kurzum: Armin ist ein Glücksfall.

Denn Armin ist nicht nur selbst unheilbar vom Stollenreifenvirus infiziert. Nein, er hat auch Visionen und Ideen, die er geradlinig verfolgt und in die Tat umsetzt. Seit er 1993 seinen Traminer Hof, ein Vier-Sterne-Superior-Hotel zum Bikehotel erweiterte, hat er seiner Südtiroler Heimat ein stattliches Portfolio an Top-Trails abgerungen und gleich noch die Bikeschule Roen dazu gegründet. Mit seinen „Starwochen“ erfüllt Armin
vielen Mountainbikern einen Herzenswunsch. Zusammen mit dem Tourismusverein Tramin lädt Armin immer wieder Mountainbike-Hochkaräter ein.

Roel Paulisson, Cross-Country-Weltmeister von 2008 und 2009, oder Karl Platt, u. a. mehrfacher Gewinner der Trans-Alp-Challenge und des Cape Epic-Rennens in Südafrika, sind regelmäßig vor Ort. Die gehen
zusammen mit Gästen auf Tour und plaudern aus dem Nähkästchen. Heute dürfen sich die Teilnehmer auf Karl freuen.

Wurzeltrails und Himbeerkuchen
„Ja, nimm‘ den Oberkörper noch weiter vor und behalt‘ den Druck auf dem Pedal“, ruft Karl, während er ein paar Meter im Steilstück mitläuft. Der Trail unterhalb der Krabes Alm hat es in sich. Auf dieser Passage aus ausgewaschenen, armdicken und kreuz und quer wuchernden Wurzeln trennt sich die fahrerische Spreu vom Weizen.

Damit das Bike hier nicht unkontrolliert zu bocken und rocken beginnt, und weder Fahrer noch Dämpfer am Ende wissen, wo sie langzappeln sollen, braucht es Erfahrung und astreine Fahrtechnik.  Einige Teilnehmer der Gruppe sind technisch schon sehr versiert. Sie bügeln einfach hinter Karl her. Aber wer ansonsten meist nur Forstwege abfräst, für den ist dieser steile Wurzelverhau eine harte Nuss. Karl packt sein Bike abermals hoch und zeigt, wie sich dieses Hindernis meistern lässt. Und siehe da, schon nach kurzer Zeit können alle Teilnehmer stolz auf sich sein. Vor allem jene, die noch bis vor 15 Minuten ihr Bike geschoben hätten.

Die Belohnung für all diese Mühen gibt es gleich nebenan. Der Wirt der Krabes Alm versteht sein Handwerk. Der frische Himbeerkuchen und die gewaltige Portion Kaiserschmarrn schmecken göttlich. Der Ausblick auf das Who-is-Who der Dolomitengipfel, allen voran die markant gezackte Lagorei-Gruppe, liefert das Sahnehäubchen dazu. Im ersten Weltkrieg verlief dort oben die Front zwischen Italien und Österreich, und ein mörderischer Stellungskrieg forderte unzählige junge Leben. Heute regiert zum Glück das Dolcefarniente hüben wie drüben.

So kalorienreich wie getafelt wird, so angeregt verläuft der Tech-Talk über Pro und Contra von 29ern ... und natürlich über alles andere, was einem in den Sinn kommt, der viel zitierte Gott und die Welt eben. Und das alles Mitte April bei bald 25 Grad im Schatten. Die Tieflagen Südtirols bieten eine echte Alternative zu vielen Mittelmeerzielen oder auch den Kanaren. Wenn der Wetterfee zu Hause die eigene Vorhersage immer noch peinlich ist, dann zünden Biker rings um Tramin zwischen blühenden Apfelbäumen bereits den Trainingsturbo.

Beim Uphill räumen uns Armin und Karl Zeit ein, um die Landschaft zu bestaunen. Bis zum Bergdorf Truden können wir uns einpedalieren. Im Ort wird das Kopfsteinplaster dann mittendrin kriminell steil. „Hier brauchen die Hühner im Winter Steigeisen“, ruft Armin der schnaufenden Truppe zu. Über eine alte, aufgelassene Bahntrasse der Fleimstaler Bahn arbeiten wir uns langsam nach oben. Auf Schotter durch kunstvoll
angelegte Weinberge und über ein schwindelerregendes Aquädukt schrauben wir uns weiter hinauf.

Style-Professor Platt
Doch bergab geht es getreu Armins Credo wieder zur Sache. Schnelle Kehren durch den Wald und ein paar knifflige Zickzack-Trails sorgen für unerhörten Flow. Bei Problemen kommt Style-Professor Karl und erklärt wie und warum es so eben besser geht. Bei einem natürlichen Anlieger zeigt er, was aus so einer Schikane rauszuholen ist.

Alle hüpfen von den Rädern und suchen sich ihre Pole-Position im Hang. Karl surft mit irrem Speed über den teils losen Untergrund. Die Steinchen spritzen nur so weg. Spontaner Applaus brandet auf. Learning by doing, jeder fährt die Schikane noch ein paar Mal, und ausnahmslos jeder verbessert seine Geschwindigkeit, wow.

Im Dorf Auer cruisen wir bei der Eisdiele am Dorfplatz vorbei. Dort bildet sich zwar nachmittags immer eine respektable Schlange, aber das Eis schmeckt einfach zu gut.

Nach den Touren erleben wir jeden Abend, warum Armins Haus beim Veranstalter Bike Holidays mit der höchsten Wertung, also fünf Ritzeln, angepriesen wird. Der Wellness-Bereich lässt keine Wünsche offen, es gibt eine videoüberwachte Bikegarage, eine vollausgestattete Werkstatt ... und noch viel wichtiger: Jeden Abend drei verschiedene 4-Gänge-Menüs plus Vorspeisen- und Salatbuffet sorgen dafür, dass die auf der
Tour verbratenen Körner wieder schmackhaft aufgefüllt werden.

Dass die Speis vom passenden Trank flankiert wird, ist für Armin Ehrensache. Schließlich liegt Tramin an der Strada del Vino, also an der Weinstraße und gilt nicht umsonst als die Hauptstadt des Gewürztraminers. „Das liegt am roten Bozener Porphyrgestein“, erklärt Armin. „Darauf gedeiht der Gewürztraminer am besten.“ Armin muss es wissen, schließlich hat er selbst auch einen Weinberg. Und die Weine und Winzer aus dieser Ecke heimsen immer wieder Preise ein.  So wurde die Winzerin Elena Walch, deren Weingut keinen Kilometer Luftlinie vom Traminer Hof entfernt liegt, sogar schon zur besten Winzerin Italiens gekürt. Und das will in dieser Männerdomäne was heißen.

Königsetappe auf den Monte Roen
Karl bleibt auch am Abend ein Star zum Anfassen, ohne jegliche Allüren. Zwischen Suppe, Primi und Zwiebelrostbraten geht es weiter über Fahrwerkstuning, Semislicks und Trainingsintervalle. Bei Aperol Spritz und feinstem Rebensaft plaudert Karl auch mal aus dem Nähkästchen der beinharten Rennen, wie z. B. der Transalp Challenge. Aber alles wohl dosiert, versteht sich. Denn schon am nächsten Tag steht mit dem Monte Roen die Königsetappe auf dem Programm.

Wie ein gewaltiger Balkon ragt sein 2116 Meter hohes Massiv direkt westlich hinter dem Hotel empor. An seinem Fuß wachsen noch die Reben, doch bald schon wird es für jegliche Vegetation zu steil. Unbezwingbar wirkt der dominante Gipfelblock, ganz und gar unmöglich. Wer sich ihm über die Hintertüre nähert, muss gewaltig Federn lassen, denn Tramin liegt auf 276 Metern.

Um uns nicht schon bei der Anfahrt komplett zu zermürben, shutteln wir hoch zum Mendelpass auf 1363 Meter. Auf steilen Forstwegen arbeiten wir uns immer südwärts haltend hinauf. Auf dem Weg liegen drei Hütten, die einen vom Bike zerren wollen. Wir widerstehen diesen drei lockenden Sirenen, der Enzian- , Halbweg- und Romenohütte, standhaft und keulen hoch bis zum Gipfel des Roen. Gleich hinter dem
Gipfelkreuz offenbart sich ein jäher Abgrund. Weiterfahren verbietet sich eindeutig.

Wahrlich, diese Rampe war ein hartes Brett, aber das Panorama entschädigt für jedes gefühlte Kilogramm Blei in den Beinen. Tramin, Kaltern, Eppan, Bozen – bald 2000 Meter unter uns liegen die Orte der Weinstraße,
die von hier oben wie Spielzeugstädte wirken. Tiefblau schimmert der Kalterer See im Mittagslicht. Wie eine metallenes Band leuchtet die Etsch zu uns herauf. Jener Fluss, der diese herrliche Landschaft nährt. In der Ferne strahlen die schneebedeckten Dolomitengipfel wie frisch gebleachte Zähne eines Hollywoold-Starlets zu uns herüber.

Vor uns liegt ein gnadenlos schöner Downhill. Zunächst leicht haarsträubend unweit des Wandabsturzes Richtung Bocca Val Calana, soviel verrät ein Blick auf die Karte. Danach beruhigen sich die Wandabstürze zwar etwas, aber ... egal, wer Armin und Karl kennt, der weiß, dass wir keinen Kilometer vergeuden werden. Fazit: 5 Touren, 5 Ritzel, später 5 fette Eiskugeln dazu, und den eigenen Fahrstil immens aufpoliert – besser geht‘s nicht.

> Tramin kompakt <

Info

Anreise
Über Innsbruck hoch zum Brenner und auf der A22 immer gen Süden über Sterzing, Bozen bis zur Ausfahrt Neumarkt-Aue

Touren

  • Tour 1: Krabes Alm, Höhenmeter 1136, Kilometer 35,7, leicht, Panorama-Knüller mit uriger Hütte zur Einkehr (unser Favorit: Himbeerkuchenund Kaiserschmarrn). Entlang der alten Fleimstaler Bahntrasse führt die Auffahrt bis zur Krabes Alm. Dort bieten sich wunderbare Ausblicke in die Lagorei-Gruppe.
  •  Tour 2: Zum Gipfel des Roen, Höhenmeter 1995, Kilometer 33,4, schwer. Die Königsetappe führt hoch zum Traminer Hausberg, oben am Gipfel reicht der Blick weit in die Dolomiten, beim Blick in den Abgrund gefriert das Blut in den Adern, das bei den endlosen Singletrails allerdings schnell wieder in Wallung gerät.
  • Tour 3: Singletrailrunde Tramin, Höhenmeter 1007, Kilometer 29, mittel bis schwer. Runde mit viel individuellen Spielräumen, über Söll und Altenburg zum Ortsanfang von Graun, auf dem Traminer Höhenweg zum Gummerer Hof und über verwinkelte Singletrails zurück nach Tramin.