Reise

Biken in den „Nocky Mountains“

Wir Biker und unsere Egos sind schon manchmal ein lustiges Team. Der bürogeplagte Körper schreit nach Urlaub, das Ego verlangt nichts Geringeres als einen epischen Trip nach Whistler oder zumindest hochalpines Gelände. Aber eigentlich will man doch nur für ein paar Tage ausspannen – den Computer ausschalten, sich auf das geliebte Bike schwingen und dem Rest der Welt sagen: „Bis denne, wir sehen uns früh genug wieder.“ Aber mal ehrlich, muss man sich dazu immer die ganz harte Tour geben?

Spannend anders
Die Region Millstätter See in Österreich ist eher für sanftes Urlauben bekannt. Die Berge rund um den See wirken wie mit einer Kelle in die Landschaft serviert: weich, durchweg begrünt, irgendwie harmlos. „Nocken“ nennt man die beschaulichen Zweitausender hier, und tatsächlich kann man sich in dieser Landschaft gut das berüchtigte Nockalm Quintett vorstellen, das dösenden Kühen seine Songs vorträllert. Aber Volksmusik ist das letzte, was mir in den Sinn kommt, als ich mit meinem Bike auf den Vorplatz der „Art Lodge“ rolle.

Die beiden ehemaligen Werber Katrin und Dirk haben hier einen alten Bauernhof umgebaut, und zwar so, dass sich alte Bergbauernkultur mit dem Chic einer New Yorker Kunstgalerie vermischt. Der Blick schweift von einer silbern glänzenden Wand zu einer giftgrünen Skulptur und bleibt an einem abstrakten Gemälde hängen. Restaurierte Dachbalken und Natursteinflächen stehen dazu in einem spannenden Kontrast. Jedes Zimmer  hat Hausherrin Katrin Liesenfeld ganz unterschiedlich mit einem Auge für solche Gegensätze eingerichtet.

Dieses besondere Flair zieht auch besondere Gäste an. So komme ich nach dem Abendessen mit Christoph, Aurelia und Philip ins Gespräch. Die drei sind Künstler aus Wien und lassen sich beim Biken in den Nockbergen zu neuen Werken inspirieren. Christoph und Aurelia haben zudem gerade eine Ausstellung im alten Heuboden des Hofes, die ich mir natürlich ansehe. Angeregt philosophieren wir den Rest des Abends über Kreativität und Mountainbiken. Was für eine Mischung!

Hideaway-Biking
Begegnungen wie diese stehen dafür, wie sich die Region Nockberge zur Zeit entwickelt. Viele unterschätzen das Gebiet, und gerade deswegen zieht es Menschen hierher, die eine Alternative zum touristischen Einerlei suchen. Und was die Aktivitäten vor Ort angeht, sagen die „Nocky Mountains“ deutlich Ja zum Mountainbiken. Das Angebot beginnt bei geführten Schnuppertouren und Fahrtechnik-Camps. Das Highlight ist
eine „Nock-Five“ getaufte Etappentour.

An vier Tagen geht es auf die fünf schönsten „Nocken“, den Goldeck, Mirnock, Wöllaner Nock, Rosennock und die Millstätter Alpe, wobei sich bis zu 5200 Höhenmeter sammeln lassen. Übernachtet wird in  „Hideaways“. Das klingt nach Marketing, trifft aber den Kern der Sache: kleine Hotels, die nicht jeder kenntOrte, die zum Nachdenken anregen, weil sie einfach anders sind. So bleibt das Auge in den vier Hideaways der Nock-Five ständig an ungewöhnlichen Details hängen, und man fühlt sich wie auf einem anderen Planeten.

Besonders aufregend ist der Kleinsasserhof. Hier wird man im Eingangsbereich von einem Nasa-Weltraumanzug begrüßt, an den Wänden hängt ein wildes Sammelsurium vom Elchkopf bis zum Elvis-Autogramm.
Der Alltag erscheint Lichtjahre entferntein Nebeneffekt, den man sich gerne gefallen lässt.

Gipfelglück für Alle
Guide Harry, ein kleiner, aber drahtiger Sportlertyp, schwärmt von den einmaligen Bedingungen seiner Heimat: „Auf die meisten Berge hier kommt man auf dem Bike ganz nach oben. Das ist Gipfelglück, das jeder
haben kann. Und bergab hast du Optionen für jedes Fahrtechnik-Level.“ Harry führt unsere kleine Gruppe Biker durch das Mirnock-Massiv. Ein Shuttle der Sportschule Krainer erspart uns den langweiligen Teil des
Uphillswir nehmen's heute leicht!

Ab halber Höhe kurbeln wir durch urige Wälder, zirkeln auf den Almen um Kuhfladen herum und fluten die Beine in ein paar knackigen Uphills doch noch mit Laktat. Schließlich dürfen wir am Gipfelkreuz auf der
Amberger Alpe einen weiten Blick über Kärnten genießen. 800 gestrampelte Höhenmeter sind zwar kein großer Triumph für hartgesottene Alpinisten, redet mir mein Ego ein. Aber geht es beim Biken tatsächlich um Zahlen? Viel wichtiger ist doch, dass man sich bergab nicht auf lahmen Forstwegen langweilt.

Das ist hier sicher nicht der Fall! Mein straffes  Racefully schüttelt mich ordentlich durch, während Harry uns einen verblockten Pfad hinunterführt. Zugegeben, so eine üppige Portion Trail hatte ich nicht erwartet und ein leichtes Rad mitgenommen. Die drei Künstler sind auch mit dabei, sie wussten es besser. Gerade Philip bewegt sein Enduro beeindruckend leichtfüßig über die großen Steine und Wurzeln.

Bei einer Pause macht Guide Harry Lust auf mehr: „Keine Sorge, es ist noch nicht zu Ende. Was du hier hochfährst, bekommst zur Belohnung auch in Trails zurück.“ Und da die Tour ohne Shuttle 1900 Höhenmeter gehabt hätte … Am Abend bin ich tatsächlich vom hohen Trailanteil der Tour angetan und auch vom technischen Anspruch, den die nur scheinbar harmlosen Nockberge an arglose Biker stellen können, wenn man die richtigen Wege fährt. Und Wanderern sind wir kaum begegnet, wie schön!

Der Wolfi und das Nockbiken
Bereits 1996 gab es in der Region die Idee zum „Nockbiken“. Wolfgang Kreiner, ein bikebegeisterter Kärtner mit eigener Sportschule, hat einst Pionierarbeit geleistet, indem er eine Wegenetzkarte für Mountainbiker herausbrachte. Die orientierte sich allerdings an leichten Wald- und Forstwegen. „Legale Trails gab es damals noch nicht, und es war nicht so recht der Markt dafür da“, erinnert sich der 59-Jährige. „Aber Gott sei Dank hat sich das Biken immer mehr in Richtung Singletrails entwickelt!“ Und so ist der „Wolfi“ ganz vorne mit dabei, wenn es darum geht, dass die Leute heute ganz legal die Nockberge auf richtigen Trails  entdecken können.

„Wir haben lange und intensiv mit den Grundbesitzern verhandelt, sodass wir diesen Sommer auf jedem unserer Berge mindestens einen langen und technisch anspruchsvollen Bergab-Trail anbieten können, und zwar rechtlich abgesichert.“ Damit leistet Krainer noch einmal Pionierarbeit, denn ein legales Trailnetz ist nur in wenigen Regionen selbstverständlich. Zufrieden führt er aus: „An unserem Hauptberg Wöllaner Nock/Kolmnock kann man jetzt schon drei Trails genießen, auf der Nord-, Süd und Westseite.“

Zwar besteht derzeit die Abmachung, dass schmale Pfade nur mit den ortskundigen Guides der Sportschule gefahren werden, aber Krainer plant, zukünftig auch denen das Befahren zu ermöglichen, die alleine unterwegs sein möchten. Noch liegt Arbeit vor dem altgedienten Ski-, Surf- und Bikefan, aber wer sich mit den Guides der Sportschule bewegt, ist auf der sicheren Seite. Denn sie wissen, wo gefahren werden
darf. Und haben, wie der zähe Harry, den Überblick über die besten Trails und können so für die unterschiedlichen Fahrer die richtigen Schmankerl auswählen.

Erholung und Shredden
Am nächsten Morgen, oben auf dem Wöllaner Nock: Es ist noch früh, die Luft ist frisch, und das Bergauffahren habe ich mirdas Ego motzt wieder – dank Seilbahn von Bad Kleinkirchheim aus gespart. Von oben schweift der Blick zurück ins Tal. Dort haben wir im urigschicken „Feriendorf Großwild“ die Nacht verbracht. Die frisch renovierten Bauernhäuser im alten Stil haben ein gemütliches Flair – traditionell eingerichtet und doch modern, beispielsweise mit knallrot lackierten Hirschgeweihen an der Wand.

Der Grund, warum wir am Morgen auf den anstrengenden Uphill verzichten, ist das opulente Abendessen, das im Großwild aufgetischt wurde. Dieses kulinarische Erlebnis ist bewusster Teil der Nock-Five-Tour. Gelobt und verdammt seien Steak, Sorbet und Zirbenschnaps!

Aber genug vom Schlafen und Essen. Nach dem Aufwärmen führt Harry unsere kleine Gruppe zum Einstieg eines Trails, der durch das Nationalpark-Gebiet führt. Herrliche Fichten, behangen mit urtümlichen Flechten, säumen einen technischen Trail. Aber Achtung, nicht von der Landschaft ablenken lassen! Einige Stellen verlangen die ganze Aufmerksamkeit.

Später ist noch Zeit dazu, als wir zwischen zwei Abfahrten über grüne Almen rollen. Doch am späten Nachmittag fahren wir noch den flowigsten Trail des ganzen Trips. Ein vor Ewigkeiten angelegter Pfad windet sich so perfekt den Hang hinab, dass ich nur grinsen kann. Der Waldboden ist griffig, natürliche Anlieger locken, das Bike fliegt nur so durch die Kurven. Von Wanderern ist keine Spur, ich kann guten Gewissens Speed
machen. Erholung und Shredden – so lasse ich mir „sanftes Biken“ in den Nockbergen gerne gefallen.

Ausgenockt
Wenige vermuten in den als harmlos bekannten Nockbergen auf Anhieb, wie gut es sich dort Biken lässt. Deswegen kommt es hier auf den Trails auch nicht zu Massenansammlungen wie am Gardasee. Dank der heimischen Guides fährt man zudem auf Wegen, die von Wanderern wenig bis kaum begangen werden. So gelangt man an ruhige Orte, an denen man weit weg vom Alltag bestens auf andere Gedanken kommen
kann.

Nimmt man die besonderen Unterkünfte hinzu, wie man sie auf der Nock-Five-Tour gleich im Viererpack bekommt, erhält man eine aufregende Mischung, die nicht nur bloßer Urlaub ist, sondern den Horizont ein Stück erweitert. Auch ohne den Nasa-Anzug im Kleinsasserhof tatsächlich anzuziehen!

> Nockberge kompakt <

Die Region
Die Nockberge teilen sich den selben Wortursprung wie die italienischen Gnoccikein Wunder, wenn man sich die wenig kantige Landschaft anschaut. Die Gipfel sind ohne Kletterei zu erreichen, bieten also durchweg gute Bedingungen für Biker. Im Zentrum der Region liegt der über elf Kilometer lange Millstätter See. Wasserurlauben ist hier im Sommer schwer angesagt, ebenso an den kleineren Gewässern Brennsee und Afritzer See.

Mountainbiken findet schon seit den 90er-Jahren als „Nockbiken“ statt, wird aber erst seit kurzem auf richtige Singletrails ausgeweitet. Die Touristiker setzen auf ein „Geheimtipp-Konzept“. In kleinen Gruppen und mit Guides befährt man einsame Trails, die Unterkünfte sind etwas Besonderes. Essenziell ist die Sportschule Krainer in Feld am See, die Guides stellt, Touren und Technikcamps organisiert und sich um die ständig
laufende Legalisierung weiterer Trails bemüht (www.sportschule.at).

Auskunft

Touren
Die Sportschule hat bisher 20 reine Mountainbike-Touren im Angebot, die sich über ca. 600 km erstrecken, Tendenz steigend. Touren mit bis zu 2090 Höhenmetern möglich. Optionen: Halbtages-, Ganztages-, bis zur 4-Tagestour. Im Highlight „Nock-Five Tour“ werden die fünf schönsten Nockberge befahren.

Übernachtung
Die Hideaways der Nock-Five:

  • Art-Lodge – ein cooles Klein-Hotel mit individuellen Zimmern, sogar der alte Kuhstall hat ein gutes Stück Chic abbekommen, www.art-lodge.com
  • Kleinsasserhofherrlich schrullig dekorierter Hof, ein Kunstwerk für sich. Hauslabrador Lola betätigt sich gerne als Fußwärmer, www.kleinsasserhof.at
  • Feriendorf Großwildtraditionelle Bauernhäuser, zusammengefasst als Urlaubsdorf, perfekt für größere Gruppen, de.kirchleitn.com
  • Villa Verdinein kleines Schlösschen direkt am Millstätter See. Durchaus edel aber mit alternativem Villa-Kunterbunt-Charmevillaverdin.at

Alternativen: