Reise

Bike it like Dschingis Khan

Niemand soll sagen, er hätte es nicht kommen sehen. Als wir im großen Nichts der mongolischen Steppe unsere Bikes auspacken und zusammenschrauben, baut sich im Hintergrund eine bedrohlich schwarze Wand auf. Enrico sagt: „Das zieht vorbei.“ Jaga, unser einheimischer Guide für die nächsten zwölf Tage, sagt: „Das kommt genau auf uns zu.“

Nach gerade einmal zehn Kilometern im Sattel sitzen wir im Begleitbus und schauen zu, wie draußen die Welt untergeht. Die Temperatur ist um zwölf Grad gefallen, es ist am hellichten Tag nahezu dunkel, und unser
Allrad-Russenbus wird mit tischtennisballgroßen Hagelkörnern beworfen. Die Piste hat sich längst in einen rauschenden Wildbach mit Packeis-Beilage verwandelt. Willkommen in der Mongolei!

Wer jetzt „Warmduscher!“ ruft, weil wir in den Bus geflüchtet sind, kann uns mal den Hinterreifen runterrutschen. In Ulan-Bator, der Hauptstadt, waren wir noch enttäuscht, als uns Jaga eröffnete, dass wir wegen der Überschwemmungen in diesem regenreichen Sommer nicht die Originalroute über die Changai-Berge nehmen würden. Doch dann hatte uns sein Chef Fotos von der Mongolia Bike Challenge 2012 gezeigt: von im
Schlamm robbenden verzweifelten Bikern, im Fluss versunkenen Begleit-LKWs, Sand- und Schneestürmen. Plötzlich waren wir ganz froh, auf einer nicht ganz so harten Route unterwegs zu sein. Schließlich wollen wir auch ein wenig Spaß haben.

Dass wir den haben würden, war schnell klar, als ich Enrico und Robert das erste Mal sah: Der Österreicher Robert lebt in Bangkok und stellt mit 400 Mitarbeitern Piercing-Schmuck her, der Schweizer Enrico verkauft den Schmuck in Europa und seine Tattoo-Maschinen gleich dazu. Weil beide für ihre Produkte am eigenen Körper ordentlich Werbung machen, sind sie für die Nomaden bei jedem Jurten-Besuch eine mindestens
so exotische Erscheinung wie diese für uns.

Airag bis zum Abwinken
Ein Sit-in in der Jurte ist im Prinzip ja auch ganz spannend. Wenn die Nomaden nur nicht so übertrieben gastfreundlich wären! Ständig gießen sie Airag, vergorene Stutenmilch, nach. Für die Einheimischen ist das so eine Art Basis-Mahlzeit, die ihnen zu jeder Tages- und Nachtzeit schmeckt. Für Touristen ist das säuerliche, leicht prickelnde Gebräu ein probates Abführmittel.

Ich gehöre deshalb zu den Total-Verweigerern, nippe nur höflich an meiner Schale, die sonst gleich wieder aufgefüllt würde. So hat es übrigens auch Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Mongolei-Besuch gemacht.

Hinterm Horizont geht’s weiter
Mit dem Wetter haben wir mittlerweile mehr Glück. Und ganz allmählich bekommen wir auch ein Gefühl für die monumentale Weite des Landes. Udo Lindenbergs „Hinter dem Horizont geht’s weiter“ passt ziemlich gut hierher. Hinter jedem Hügel wartet ein neuer. Andere mögen das monoton nennen, wir empfinden es als spektakulär. Es macht den Kopf herrlich frei, gerade weil sich die Tage so sehr ähneln: kurbeln,  Hammelknochen nagen, Zelt aufbauen, Mücken abwehren, schlafen, Hammelbrühe trinken, kurbeln. Dazu eine geradezu symphonische Ruhe, ganz ohne den Lärm der Zivilisation. Nachts ist nur das Muhen und Blöken der Kuh- und Schafherden der Nomaden zu hören.

Diese Landschaft setzt ein bewusstes Loslassen voraus, den Verzicht auf spektakuläre Highlights und Höhenmeter-Rallyes. Auch gibt es in den mongolischen Bergen und der Steppe selten eine logische Route von A nach B. Um die Kultur der Nomaden verstehen zu lernen, nützt es nichts, möglichst viele dieser Hügel zu überqueren, sondern bei den Gesprächen am abendlichen Feuer genau hinzuhören. Die Mongolei ist deshalb kein Land für Menschen, die mal eben diese Ecke der Welt mit dem Bike bereisen müssen, weil sie in ihrer Sammlung noch fehlt. Dazu ist das Land zu groß, zu weit und zu wenig greifbar.

„Na los, singt auch ein Lied!“ Die Aufforderung der Nomaden, in deren Jurte wir zu Besuch sind, erwischt uns auf dem falschen Fuß. Doch bevor wir „Alle meine Entlein“ anstimmen, habe ich eine Idee: Den 80er-Jahre-Hit „Dschinghis Khan“ der gleichnamigen deutschen Band kennen alle: Spätestens nach dem dritten Schnaps grölen alle den Refrain mit: „Auf Brüder, sauft Brüder, rauft Brüder, immer wieder! Lasst noch
Wodka holen, hohohoho!“ Was könnte besser passen? Schließlich sind wir nur wenige hundert Kilometer vom Geburtsort des berühmten Mongolen-Herrschers entfernt.

Wagenburg gegen den Sturm
Die gute Stimmung in der Jurte macht uns Mut, das zu fragen, was wir schon immer über das Nomadenleben wissen wollten. „Jaga, wie geht Sex in einer so kleinen Jurte und mit so vielen Bewohnern?“ – „Wie bei den Stachelschweinen“, sagt Jaga mit einem Grinsen. „Ganz vorsichtig“. – „Jaga, warum esst ihr Mongolen immer nur Fleisch?“ – „Grünzeug ist doch nur etwas für Tiere!“ – So geht das den ganzen Abend, bis wir in eine
sternenklare Nacht hinauswanken und in die Zelte stolpern.

Am nächsten Morgen sitzen wir etwas wackelig auf unseren Bikes. Der furienhafte Wind, der Bäume entwurzeln würde, wenn es hier welche gäbe, macht es nicht besser: Mehr als zwölf Stundenkilometer sind nicht drin, auch nicht in der Ebene, wo wir zuhause mit 30 Sachen dahinpreschen würden. Mittags bauen wir mit den russischen Bussen eine Wagenburg, um uns vor dem fauchenden Wind zu schützen. Jaga, der eigentlich
anders heißt, was aber für Europäer nur um den Preis einer Zungenzerrung auszusprechen wäre, hat sich in den Begleitbus verzogen.

Am Nachmittag flaut der Wind endlich ab und wir sehen große Sanddünen am Horizont. Über das Gesicht von Enrico und Robert huscht ein Lächeln: Dünen-Surfen finden die beiden so richtig geil! Zu den Sandbergen nehmen wir die Direttissima – und sind überrascht, wie gut man hier querfeldein kurbeln kann. Es ist eben keine unberührte Natur, in der wir uns bewegen. Vielmehr eine von Tierherden abgefressene Landschaft, fast wie ein Golfplatz, von Tausenden von Hufen so verdichtet, dass man überall weglos biken kann, ohne auf loses Geröll achten zu müssen.

Abends schaut ein junger Nomade mit dem Motorrad bei unserem Lager vorbei, den Großvater hat er auf den Rücksitz gepackt. Wir bieten ihnen Tee und Bier an, aber sie wollen einfach nur beobachten, was das für komische Menschen sind, die auf ihrer Weide die Zelte aufgeschlagen haben. Westliche Hektik scheint ihnen völlig fremd zu sein. Ihr Motto lautet: Was Du heute kannst besorgen, kann auch warten bis übermorgen.
Sie haben alle Zeit der Welt. Und auch wir nehmen uns diese.

Etwas Kopfzerbrechen macht uns eigentlich nur die landestypische Küche: Hammel, Hammel und dann zur Abwechslung mal Ziege, dazu säuerlich riechende Milchprodukte. Wer abnehmen will, ist hier goldrichtig. In der gemüse- und obstfreien Zone der Mongolei entwickeln wir einen Heißhunger auf alles, was nicht nach Schaf und Ziege riecht. Abends legen wir selbstgefangene Forellen auf einen Rost über dem Lagerfeuer.
„Das verbrannte Zeug soll man essen können?“ Jaga ist entsetzt. Er hält sich lieber an die von unserem Koch gedünsteten Buuz, mit Fleisch gefüllte Teigtaschen. Allerdings pult Jaga das Fleisch heimlich heraus und lässt den Teig links liegen.

Zu Beginn der zweiten Woche sind wir schon ziemliche Profis: Haben kapiert, dass man auf Mongolisch „Haltet die Hunde!“ ruft, ehe man sich einer fremden Jurte nähert. Haben gelernt, wie man sich richtig in einer Jurte benimmt, ohne die Geister zu ärgern: nicht auf die Schwelle treten, nicht zwischen den Stützpfosten hindurch gehen, nichts ins Feuer werfen. Haben verstanden, dass sich die Mongolen den Russen näher als den Chinesen fühlen, obwohl die ersteren das Land während der Sowjetzeit mit eiserner Hand unterdrückten. Haben auch begriffen, dass die Mongolei zwar „Land of Blue Sky“ genannt wird, weil an 260 Tagen im
Jahr die Sonne scheint, es aber erbarmungslos schüttet, wenn der Himmel seine Schleusen öffnet.

Tatsächlich haben wir inzwischen großes Wetterglück. Morgens ist es zwar meist empfindlich kühl, tagsüber scheint die Sonne aber von einem Himmel, der so tiefblau wie sonst nur in Tibet ist. Wir schauen uns mit den Bikes tosende Wasserfälle an, campieren an glasklaren Flüssen, halten Ausschau nach den wilden Przewalski-Pferden, die hier wieder heimisch sind, und besichtigen Karakorum und das Kloster Erdene Zuu, die
ehemalige Hauptstadt des von Dschingis Khan im 13. Jahrhundert gegründeten Mongolenreiches.

Abends kreist die Wodkaflasche
Die langen Bike- und Sightseeing-Tage machen natürlich durstig. Abends kreist deshalb wieder die Wodka-Flasche, natürlich eine der Marke „Chinggis“. Jaga will uns davon überzeugen, dass die mongolischen Mädchen zu den schönsten der Welt gehören.Wir lernen, dass die Urga, dieser lange Stab mit der Schlinge am Ende, nicht nur zum Einfangen der Tiere dient. „Wer sie vor der Jurte in den Boden steckt, will beim Liebesakt nicht gestört werden“, erklärt Jaga. Dann will er, dass wir noch einmal dieses Lied singen. Klar, können wir: „Dsching-,Dsching-, Dschinghis Khan, er zeugte sieben Kinder in einer Nacht, und über seine Feinde hat er nur gelacht. Hu! Ha!“

> Mongolei kompakt <

Das Land
Das zentralasiatische Land ist der am dünnsten besiedelte Binnenstaat der Welt. 2,7 Millionen Menschen  leben auf einer Fläche, in die Deutschland viermal hineinpasst, die Hälfte davon in der Hauptstadt Ulan-Bator. Asphalt-Straßen gibt es wenige, dafür jede Menge Naturpisten. Für Mountainbiker ist hier noch viel Neuland zu entdecken.

Anreise
Der Star-Alliance-Partner Turkish Airlines von deutschen Städten via Istanbul nach Ulan-Bator. Horrortrips mit Aeroflot gehören der Vergangenheit an Turkish Airlines wurde jüngst als beste Airline Europas ausgezeichnet und verfügt über eine Flotte mit vielen neuen Maschinen. Top-Service an Bord! Infos und Buchungen unter www.turkishairlines.com. Deutsche benötigen ein Visum für die Einreise in die Mongolei.

Reisezeit
Bike-Touren sind von Mitte Mai bis Ende September möglich. Im Juli und August regnet es allerdings häufig, die Flüsse sind dann teilweise unpassierbar, in höheren Lagen kann Schnee fallen. Dafür ist die Steppe herrlich grün, überall blühen Blumen. Im September sind die Tage meist klar, abends wird es jedoch kühl.

Reiseveranstalter
SpiceRoads Cycle Tours mit Sitz in Bangkok, Thailand, veranstaltet geführte MTB-Reisen in ganz Asien. In der Mongolei arbeitet SpiceRoads mit jener Agentur zusammen, die auch die Logistik für die Mongolia Bike Challenge organisiert. Die Jungs haben somit viel Erfahrung und können Alternativen anbieten, falls eine vorgesehene Tour zum Beispiel aus Wettergründen nicht möglich sein sollte.  Infos unter www.spiceroads.com.

Tour-Charakter
Bei geführten Touren wird häufig auf Naturwegen gefahren, der Singletrail-Anteil ist eher niedrig. Die Herausforderungen liegen somit weniger im fahrtechnischen Bereich als im rauen Klima der Mongolei. Wer nicht nur in der Steppe biken möchte, sollte nach Touren in den nördlichen Bezirken an der Grenze zu Sibirien fragen, wo es ausgedehnte Wälder gibt.