Wettkampf



Andentrail: Zweiter Etappensieg

Andentrail 2014: Alfred Mähr kurbelt weiter erfolgreich in Richtung Podium
Andentrail 2014: Alfred Mähr kurbelt weiter erfolgreich in Richtung Podium

Siege sind immer schön. Auch und gerade wenn man bereits an die 7000 Kilometer in den Beinen hat. Alfred Mähr erzählt in seinem neuen Blogeintrag von seinem zweiten Etappensieg, einer Landschaft wie im Kino und einem holländisch-deutschem Express auf zwei Rädern. Argentinien erweist sich als äußerst beeindruckendes Pflaster für den "Schwabenpfeil". 

19. Oktober 2014: 122 km gegen den Wind auf der Ruta 40
Etappe 61: Santa Maria – Hualfin Bushcamp, 122 km, 680 hm, 83% Ashalt, Full-Timing
Wetter: kühl, extremer Gegenwind

Genau wie befürchtet gibt es nachts wenig Schlaf. Das Konzert nebenan dauert bis 2.30 Uhr nachts. Bis dahin dröhnt die Musik und wimmert der Bass, dass du glaubst, das Konzert findet direkt vor deinem Zelt statt und es sind lauter schwerhörige Zuschauer anwesend.

Es ist richtig kühl, als ich noch verschlafen die Nase aus dem Zelt strecke. Dazu bläst ein ordentlicher Wind. James schert das wenig. Er kann sich vorne auf seinen Triathlon-Lenker legen und bietet dem Wind damit relativ wenig Angriffsfläche. Schon bald entschwindet er meinen Augen. Doch wo sind die anderen? Hinter mir ist  niemand. Bleibt mir nichts anderes übrig, als es alleine gegen den Wind auszurichten. So fahre ich die ersten 45 Kilometer solo. Dann taucht plötzlich Rob auf. Der hat es bis dahin auch alleine probiert. Jetzt fahren wir zusammen, was die Sache wesentlich vereinfacht. Jeder kann sich jetzt mal im Windschatten des anderen ausruhen. Am Lunchstop bei  Kilometer 73 sagen sie uns, dass James zwölf Minuten Vorsprung hat und keinen Lunchstop eingelegt hat. Wir nehmen uns aber 15 Minuten Zeit, um die Speicher wieder aufzufüllen. Danach  geht es im gleichen Schema weiter. So schaffen wir die Strecke in guten 5 Stunden. Das ist ein Schnitt von fast 25 km/h bei diesem Gegenwind. Nicht schlecht gelaufen. Die nächsten kommen mit weit über einer Stunde Rückstand. James war 26 Minuten vor uns im Ziel. Das Etappenziel liegt ganz abseits in der Pampa. Aber es gibt warme Thermalquellen. Gönne mir 20 Minuten lang den warmen Strahl des Thermalwassers. Das ist das Geschenk an mich selbst, das ich heute mit dieser Energieleistung verdient habe.

20. Oktober 2014:   Richtung Süden
62. Etappe:   Hualfin – San Blas de las Sauces, 160 km
, 598 hm, 100% Asphalt, full-Timing
Wetter: sonnig, im zweiten Teil leichter Gegenwind

Endlich mal ein ruhiges Bushcamp mit viel Schlaf. Als ich nachts mal aus dem Zelt schaue, sehe ich über mir den südamerikanischen Sternenhimmel. J.R., der Astrologe aus Alaska, sagt beim Frühstück, dass genau über uns der Orion zu sehen war. Wir bauen zum ersten Mal unser Zelt in der Dunkelheit ab, da wir heute nochmals eine halbe Stunde früher starten, das heißt um 7.30 Uhr. Wir haben eine der längsten Etappen mit 160 Kilometern vor uns. Die Temperaturen sind morgens noch angenehm kühl, auch später steigen sie nicht nennenswert über 30 °. Der erste Teil ist wieder wie im Kino. Die faszinierende Landschaft fliegt rechts und links an mir vorbei. Es geht viel abwärts. Nur ganz kurze Gegenanstiege sind zu bewältigen.

Obwohl heute Timing ist, nehme ich mir Zeit für einige Fotos. James ist wie gewohnt vorne. Ich fahre wieder solo, knapp hinter mir kommt erstmals Hardy zum Lunchstop, dann das übrige Feld. Im zweiten Teil der Etappe geht es dann weniger spektakulär geradeaus Richtung Süden. Immer bis zum Horizont – und wenn du dann nach ca. 7 Kilometern dort bist beginnt das Spiel von Neuem. Während es gestern hieß, das Tretlager zu quälen, heißt es heute wieder überwiegend Oberschenkel fallen lassen. Hardy ist heute super drauf und ich muss ihn auf den letzten 20 Kilometer ziehen lassen. So wird er erstmals Etappenzweiter und freut sich sehr darüber. Ich kann mich auch freuen, denn Joost hat heute gebummelt und kommt mit mehr als einer Stunde Rückstand mit dem Peloton ins Ziel.

21. Oktober 2014:   Ruta 40 bis zum Abwinken
63. Etappe San Blas de los Sauce – Chilecito, 120 km, 860 hm, half-Timing, 100% Asphaltsonnig,
Wetter: warm, kaum Wind

Ich sitze gerade auf der Plaza in Chilecito und schreibe den Bericht von heute. Zum letzten Mal für lange Zeit haben wir ein festes Dach über unserer Bleibe. Das sind kleine Appartements am Rande der Stadt. Das Internet ist wieder einmal kläglich. Habe gerade einen halbstündigen Fußmarsch gemacht, um in  der Stadt einen Anschluss an die übrige Welt zu finden. Auf der Plaza gibt es ein ganz passables „Internetportodos“. Nach einigen misslungenen Versuchen habe ich auch wieder einmal mit Brigitte telefonieren können. Das hat sie und auch mich beruhigt.

Heute Morgen war Rennen bis zum Lunch. Es spielte sich wieder einmal wie gehabt ab. Rien und in seinem Windschatten Joost zogen ab, James kam heute nicht richtig in die Spur, nahm aber die Verfolgung auf. Dahinter legte ich wieder eine 70 km Solofahrt hin. Vor mir bis zum Horizont niemand, hinter mir auch nicht. Gibt es eigentlich noch keinen Autopilot für Radfahrer? Heute hätte ich so etwas gebraucht. Da hilft nur: Kopf ausschalten, Oberschenkel fallen lassen. Die Landschaft bot auch keine Abwechslung. James holte die beiden Holländer, die ein eingespieltes Team bilden, nicht mehr ein. Er wurde Dritter, ich Vierter. Mit 20 Minuten Rückstand hatte ich kalkuliert und so traf es ein. Etwa 10 Minuten später kam Hardy, auch allein. Man sollte meinen, dass die einzigen zwei Deutschen es schaffen sollten, die restlichen 50 Kilometer auch im Teamfahren hinzubekommen. Doch dazu kam es nicht. An den Sprachkenntnissen kann es nicht gelegen haben.

23. Oktober 2014: Durch den spektakulären Questa de Miranda
Etappe 64: Chlecito – Bushcamp Villa Union, 120 km, 1240 hm, 75% Asphalt
Wetter: vormittags bewölkt, nachmittags sonnig, kaum Wind

Als wir heute Morgen starten sind die nahen Berge wolkenverhangen und die höheren sogar mit Neuschnee bedeckt. Hier unten beim Start in Chilecito sind die Temperaturen mit knapp über 20° genau richtig zum Radfahren. Hartmut hat uns ja vor dieser Strecke gewarnt, da sie eventuell auch  für Radfahrer ganz gesperrt sei. Rob hat sich aber bei der örtlichen Polizei erkundigt und grünes Licht bekommen. Für die Radfahrer, die Trucks haben mit bestimmten Sperrzeiten zu rechnen. Der Lunchtruck fährt über die Baustelle, muss aber stundenweise warten. Hier wird eine mächtige Straße in die Berglandschaft gebaut. Dafür sind auch einige Sprengungen notwendig. Rob gibt eine Alternativ-Strecke an zum Fahren. Diese ist 10 Kilometer kürzer und ohne Offroad. Ich fahre natürlich die Original-Strecke. Nach einem Anstieg, der erstmals seit vielen Tagen wieder diesen Ausdruck verdient – es geht in mehreren Serpentinen aufwärts – folgt ein rasanter 20 Kilometer Offroad-Downhill.

Rob, Rien, James, Jan Willem und ich lassen es krachen. Wir bauchen gerade eine halbe Stunde für diese rasante Pistenfahrt. In Sanogasta kommen wir wieder auf die RN 40 und es folgt der lange Aufstieg über die besagte Baustelle auf über 2100 m.  Die Landschaft hier ist in Argentinien bekannt unter dem Namen Questa de Miranda und gilt als eine der spektakulärsten und schönsten. Die Felsen leuchten hier in einem intensiven Rot, dahinter überragen schneebedeckte 6000er die Szenerie. Danach geht es 30 Kilometer in rasanter Fahrt abwärts, immer wieder durch beeindruckende Felsformationen. Die letzten 40 Kilometer sind dann in der Ebene zurückzulegen. Wir schlagen unser Zelte bei einer Tankstelle auf. Dort haben wir zumindest Toiletten und einen Wasserhahn. Und das Internet ist gar nicht schlecht.

24. Oktober 2014: War schon lange fällig: Der zweite Etappensieg
Etappe 65: Villa Union – Jachal Bushcamp 124 km, 890 hm, 100% Asphalt, Full-Timing
Wetter:
sonnig, sehr warmn, kaum Wind

Nach einigen Schluck Rotwein zum Dinner war ich bald bettlägerig. Schon um 21 Uhr übermannte mich der Zeltschlaf, und das trotz vielen Sandfliegen, Mücken und anderem Ungeziefer, die versuchten, mich zu pieksen. Sehr bald merkte ich, dass ich gute Beine hatte. Es lief wie geschmiert. Ich war vorne. Warum kam niemand von hinten? Wo war James? 15 Kilometer flitzte ich durch die argentinische Morgensonne. Rien kam angerauscht. Er machte mir deutlich, in seinem Windschatten zu folgen. So legten wir eine Zweier-Tempofahrt hin. Die Strecke war fast eben, immer wieder leichte Steigungen und viel Horizontfahren durch die argentinische Pampa. Ein kurzer Lunchstop und weiter ging der holländisch/deutsche Express. Plötzlich, ca. 15 Kilometer vor dem Ziel wandelte sich die Landschaft total: Rote Felsen in verschiedenen Schattierungen jetzt vor und neben uns. Ein kurzer, aber knackiger  Aufstieg folgte und wir waren wieder mitten in der Szenerie der argentinischen Anden. Das Thermometer zeigte bei diesem Anstieg wieder 42°. Die Radhose schien wieder einmal zu brennen, so intensiv saß uns die Sonne im Genick.

Schon bald tauchte der stille Campingplatz auf. Wir erreichten ihn gemeinsam. Rien und ich gewannen also gemeinsam diese Etappe. Vielleicht hätte er mich auf den letzten Kilometern abschütteln können. Aber er wollte nicht. Sehr faire Geste. Aber nach fast vierstündiger Gemeinschaftsfahrt macht man so was auch nicht. So waren wir in der Rekordzeit von 4 Stunden schon am Ziel. Wir hatten also einen Schnitt von über 30 km/h hingelegt und damit dem Zweiten, James Hodges, eine Stunde abgenommen. Und das war ja eigentlich heute nicht mein Terrain. Kaum Berge, viel flach und alles asphaltiert, da habe ich eigentlich nicht mit einem Etappensieg gerechnet. Morgen geht es ziemlich bergig und auch teilweise offroad weiter.

Quelle: 

Redaktion bikesport (Daniel Götz) / Fotos: Alfred Mähr