Wettkampf



Andentrail: Vom Winde verweht

Achtung Seitenwind!
Achtung Seitenwind: Hinweisschilder wie diese brauchte es eigentlich nicht.

Der Wind wird zum härtesten Gegner für Alfred Mähr

22. November 2014:  James fightet sich zurück
Etappe 89: Coyhaique – Puerto Ibanez, 119 km, 1890 hm, 100% Asphalt, Full-Timing

Wetter: kühl, bewölkt, leichter Regen, meist Rückenwind, gegen Ende heftige Böen von Vorne

Eigentlich habe ich mich nach dem Ruhetag gut erholt gefühlt. Doch irgendwie spüre ich schon von Beginn an leichte Magen-Darmprobleme. James fährt vorne, biegt aber in die falsche Richtung ab. Ich kann ihn gerade noch darauf aufmerksam machen. Wenige Kilometer später überholt er mich wieder. Spüre Probleme im Bauch und muss mich kurz darauf in die Büsche machen. Bei voller Montur dauert das etwas länger. Danach habe ich ihn nicht mehr auf dem Radarschirm. Es ist eine schnelle Strecke. Voll asphaltiert und keine steile Rampen – beste Voraussetzungen für James. Beim Lunch nach 64 Kilometern hat er etwas acht Minuten Vorsprung. Danach geht es nochmals 300 hm nach oben, aber sehr moderat.

Der nachfolgende Downhill ist sehr schnell mit vielen Kurven. Lege mich nicht auf den Triathlonlenker, weil immer wieder seitliche, heftige Böen reinblasen. Das ist mir zu gefährlich. Gegen Ende der Abfahrt biegt die Strecke plötzlich links ab. Ich fahre erst geradeaus weiter, bis mein Garmin konsequent „Kursabweichung“ anzeigt. Danach weiß ich, dass ich zurück muss. Das kostet mich etwa 7 Minuten. Am Ziel auf dem Campingplatz in Puerto Ibanez komme ich als Zweiter an, habe aber 25 Minuten Rückstand auf James. Der hat seit gut vier Wochen wieder einmal eine Etappe gewonnen. Das hat er sich heute auch mit einer äußerst couragierten Fahrt verdient. Ich werde die nächsten Tage, wenn es überwiegend offroad weitergeht, zurück schlagen.

Wieder in Argentinien

23. November 2014: Argentinien hat uns wieder
Etappe 90:  Puerto Ibanez – Perito Moreno, 111 km, 1201 hm, 6% Asphalt, no Timing
Wetter: morgens kühl, bewölkt, später sonnig, meist Rückenwind

Es hat gegen Morgen leicht geregnet. Als wir früh um 8 Uhr wegfahren, spannt sich hinter uns ein Regenbogen auf. Die Fahrt ist nach 1,4 Kilometern schon wieder gestoppt. Gleich hinter Puero Ibanez ist  die chilenische Grenze und wir müssen zuerst unsere Trucks abfertigen lassen. Wir machen es uns am Hafen von Puero Ibanez so lange gemütlich. Gleich nach dem problemlosen Grenzübertritt geht es ordentlich bergauf. Zum ersten Mal auf der Tour brauche ich die zwei kleinsten Gänge. Einige Abschnitte sind gepflastert, was die Sache etwas leichter macht. Nach etwa 22 Kilometern geht es steil abwärts zur argentinischen Grenzstation. Dies sollte das einzige Gebäude bleiben, das zwischen Start- und Zielort heute zu sehen ist. Und das sind immerhin über 100 Kilometer. Es folgt ein weiterer Aufstieg auf ziemlich übler, mit losen Steinen übersäter Piste.

Bei km 47 haben wir schon 1200 hm überwunden. Während  wir im ersten Teil der Etappe eine tolle Sicht über die vielen Seen und Fjorde genießen, geht es im zweiten Teil nur noch durch die Pampa. Es geht jetzt immer leicht bergab mit dem Wind im Rücken. Trotzdem sind die weiteren 60 km vor allem für die Handgelenke und den Oberkörper eine Tortur. Außerdem gilt es konzentriert zu bleiben, um den vielen Schlaglöchern und Kiesfallen auszuweichen. Schade, dass heute kein Timing war, denn ich komme mit weitem Abstand als Erster im Camp an, obwohl ich mit meinem querido Burro nur ein normales Trainingstempo gefahren bin. Trotzdem liegen sieben Stunden zwischen Start und Ankunft.

Bergab mit 10 KM/H

24. November 2014 Doppeltes Konterspiel gegen den Wind
Etappe 91 Perito Moreno – Bajo Caracoles, 130 km, 1210 hm, 100% Asphalt, Full-Timing

Wetter: morgens kühl, sonnig, zuerst Rücken- dann starker Seit- und Gegenwind

Es ist jetzt kurz vor 18 Uhr. Ich sitze im Zelt, das im Wind flattert, obwohl ich einen einigermaßen geschützten Platz gefunden habe. Wir sind in einer kleinen Ansiedlung mit zehn Häusern. Habe aber noch keinen Menschen gesehen. Nur Müll und Schrott. Haben die Menschen den Ort verlassen? Haben sie resigniert vor dem ständig wehenden Wind?  Auch auf unserer heutigen Etappe haben schätzungsweise über 50% der Teilnehmer abgebrochen und sind in den Truck eingestiegen. Einige sind noch unterwegs im Kampf gegen den Wind.

Konnte mich heute Morgen gleich vom Feld und von James absetzen. Nur Joost folgte wieder einmal. Wir legten uns flach auf den Lenker und mit Rückenwind flogen wir durch die Pampa. Irgendwann konnte ich dem höllischen Tempo von Joost nicht mehr folgen. Nach etwa 40 Kilometer, an der ersten richtigen Steigung zog auf einmal Ben an mir vorbei, in seinem Schlepptau folgte James. Der klopfte mir auf die Schulter, nuschelte etwas in seinem amerikanischen Slang und grinste. Da läuteten bei mir alle Alarmglocken. Ich zündete den schon nicht mehr vorhanden geglaubten Turbo und  ließ beide am Berg stehen. Danach ging es abwärts, aber gegen den Wind. Es ist schon ein blödes Gefühl, wenn du wie verrückt in die Pedale trittst und trotzdem nicht schneller als 10 Km/h bergab bist. Aber ich setzte jede Muskelfaser ein, damit die beiden nicht mehr aufschließen konnten.

Als ich nach einer halben Stunde mal zurückschaute, waren sie nicht mehr zu sehen. Dafür sah ich bald Joost wieder vor mir. Er verpflegte sich gerade. Die Felge von Joosts Hinterrad war durchgebremst und drohte zu zerreißen. Während er mit Walter das Hinterrad auswechselte – er nahm eines von den Reserverädern – verpflegte ich mich. Dann zogen plötzlich Ben und James am Lunchtruck vorbei, ohne anzuhalten. Das ärgerte Joost gewaltig. Wir beeilten uns, hatten aber trotzdem etwa sechs Minuten Rückstand. Doch schon bald hatten wir die beiden wieder auf dem Radarschirm und kurz darauf zogen wir trotz heftigem Gegenwind schnell an ihnen vorbei, sodass sie gar nicht auf den Gedanken kommen konnten, sich bei uns anzuhängen. Es folgten Abschnitte, wo es kilometerlang gerade, leicht aufwärts gegen den Wind ging.

Manchmal kamen Böen, die uns fast zum Stehen gebracht haben. Doch Joost, der Windmann aus den Niederlanden und ich, der Kämpfer, gaben nicht nach. Die Kilometer wollten nicht mehr vorbeigehen. Etwa 25 Kilometer vor dem Ziel signalisierte mein Garmin „Kursabweichung“. Wir waren uns unschlüssig, mussten in der Karte nachschauen, denn wir wollten nicht zum zweiten Mal ein Fiasko erleben. Doch wir fuhren auf der gleichen Straße weiter und kurz darauf signalisierte mein Garmin auch wieder „Strecke gefunden“. Die letzten 15 km ließ der Wind ein wenig nach. Nach 6.10 Stunden erreichten wir dann ziemlich geplättet, aber froh, es geschafft zu haben, das Etappenziel Bajo Caracoles mitten in der Pampa.

Einige Teilnehmer geben auf - der Wind entmutigt sie

25. November 2014:  109 km allein gegen den patagonischen Wind
Etappe 92: Bajo Caracoles – Bushcamp  Las Horquetas, 109 km, 551 hm, 100% Asphalt,  Full-Timing,
Wetter: kalt, bewölkt, erst Rücken- dann Gegen- und Seitenwind

Nach einer windigen Nacht im Zelt, in der ich öfters glaube, dass mir jetzt das Zelt um die Ohren fliegt, sehe ich in nur sehr ernste Gesichter. Bei diesem Wind diese Etappe anzugehen, ist für die meisten Teilnehmer nicht vorstellbar. Darum sind beide Trucks überfüllt, als es losgeht. Die Strecke geht die ersten 45 km südostwärts, also mit dem Westwind. Danach dreht die RN 40 auf  Südwest, also gegen den Wind.

Fahre unerschrocken zügig los. Die Strecke steigt gleich an und es bläst erstmal Seitenwind. Als ich zurückschaue, sehe ich mit einigem Abschnitt James und sein neuer australischer Gehilfe Benjamin Bradley. Joost scheint heute nicht in Race-Laune zu sein. Ich denke eigentlich, dass die beiden mich auf dem folgenden längeren Abschnitt abwärts mit Rückenwind überholen. Aber ich halte selbst das Tempo sehr hoch durch die Zeitfahrposition. Erst kurz vor dem Lunchtruck dreht die Strecke und sofort wird der gnadenlose Wind spürbar. Mache einen kurzen Lunchstopp, obwohl ich noch keine zwei Stunden unterwegs bin. Als ich wieder wegfahre, kommen gerade James und Ben. Sie machen heute auch Lunch, nachdem sie gestern vorbeigefahren sind und schlechte Erfahrungen damit gemacht haben.

Versuche immer wieder, das Tempo sofort wieder zu erhöhen, wenn mich eine Böe fast zum Halten gebracht hat. Habe heute erstmals beim Timing die lange Hose und eine Windjacke an. Darunter komme ich heute richtig zum Schwitzen, obwohl der Wind sich eisig anfühlt. Der Wind nimmt zwischen km 85 und km 100 nochmals an Heftigkeit zu. Ich halte dagegen und mobilisiere meine letzten Reserven, weil ich weiß, dass bei km 101 die Strecke wieder Richtung Südosten dreht und ich dann nochmals für 8 km Rückenwind habe. Und so ist es dann auch. Die letzten km vor dem Etappenziel brauche ich gar nicht mehr zu treten. Es treibt mich richtig ins Ziel. Ich bin sehr stolz und zufrieden, den 12. Etappensieg im absoluten Alleingang geschafft zu haben. Damit habe ich nicht nur eine der schwierigsten Etappen gewonnen und 43 Minuten auf James gutgemacht, sondern auch das Vorurteil widerrufen, nur mit Hilfe von Joost gewinnen zu können.

Paarzeitfahren - Nur eine Minute Rückstand

26. November 2014: Tiefes Durchatmen
Etappe 93: Las Horguetas – Estancia La Angostura, 84 km, 100 hm, 58% Asphalt

Wetter: morgens kalt, nachlassender Wind, dann sonnig

Viele haben sich die letzten Tage gefragt, warum sie sich das hier antun. Tagelanger Regen  in Chile, Wind und Kälte jetzt in Argentinien. Dazuhin katastrophale Camps ohne Wasser, Elektrizität und Sanitäranlagen. Aber die Gegensätze in Südamerika sind groß und stellen sich oft unerwartet ein. Wir sind schon vor 5 Stunden auf der Estancia La Angostura eingetroffen. Mitten in der Pampa ist hier eine Estancia, d. h. eine Ranch oder Hazienda. Versteckt hinter einem Berg ist die Anlage auch wenige Kilometer vorher nicht einsehbar. Die nächsten Ortschaften sind alle über 60 km entfernt. Während ich hier in einem komfortablen Aufenthaltsraum den Bericht schreibe, fliegen draußen Enten und Wildgänse vorbei. Im Wasser tummeln sich Flamingos und auf einer großen Weide grasen Pferde. Oft haben solche Estancias einen Campingplatz angegliedert, um eine zusätzliche Einnahmequelle zu schaffen. Und so ist es auch hier. Ein kleiner Campingplatz mit ziemlich neuen und sauberen Duschen und Toiletten haben wir vorgefunden.  Alle haben nach den letzten 3 Tagen von so was geträumt.

Das Radfahren war heute zweigeteilt. Im ersten Teil fand ein Paarzeitfahren über 50 km statt. Die Straße war dabei in einem super Zustand, schnurgerade und leicht abfallend. Dazu kam noch leichter Rückenwind. Das schnellste Paar, Joost und Terry, schafften die Strecke unter 1 Stunde, James und Ben wurden Zweiter mit 4 Minuten Rückstand und Hardy und ich folgten mit nur 1 Minute Rückstand auf James/Ben. Dabei legte sich Hardy mächtig ins Zeug und auch die Wechsel klappten ganz gut. Mein Problem war dabei, dass ich für Geschwindigkeiten von 50 km/h bei meinem Bike mit zwei Kettenblättern eine zu kleine Übersetzung habe.

Solo zum 13. Etappensieg für Alfred

27. November 2014  Und wieder eine Solofahrt zum 13. Etappensieg
Etappe 94   Estancia La Angostura – Estancia La Siberia, 67 km, 553 hm. 0% Asphalt, Full-  Timing vormittags bewölkt, leichter Wind, später sonnig bei zunehmendem Wind

Wir starten heute wieder eine Stunde später, da eine relativ kurze Etappe ansteht. Zuerst geht es die 5 km, die die Estancia abseits liegt, wieder zurück auf die Hauptpiste. Nach kurzem, gemütlichem Beginn gebe ich gleich meinem querido Burro die Sporen. Es geht auf schmalen, schlechten Weg  bergauf. Die Taktik ist, hier einen Vorsprung herauszufahren. Es gelingt. Als ich auf der Hauptpiste zurückschaue, habe ich schon einen beachtlichen Vorsprung. Halte Zug auf der Kette und lasse meinem querido Burro die Zügel los. Es geht teilweise mit Rücken- teilweise mit Seitenwind flott voran. An der letzten, ca. 8 km leichten, geraSden Steigung vor dem Lunchtruck bläst der Wind ordentlich von der Seite, sodass ich mein Burro wieder schräg legen muss. Das Problem ist, dass auf dem losen Untergrund  und der Schräglage immer wieder das Rad wegrutscht. Dazwischen folgen einige schnelle Abfahrten , die besondere Konzentration erfordern. Ein Sturz wäre hier fatal.

Nach einer längeren Steigung taucht dann hinter der Kuppe ein großer See auf. Als ich sehe, dass die Straße links um den See führt, weiß ich, dass es mit Rückenwind weitergehen wird. Und so ist es dann auch. Die Straße wird besser, der Untergrund fester und ich kann mein Tempo nochmals steigern. Es folgen einige kurze Anstiege und Abfahrten. Dann taucht auch schon die Abzweigung zur Estancia la Siberia auf. 500 m später bin ich nach gerade 3 Stunden Fahrt als Erster im Ziel. Das war wieder ein kurzer Arbeitstag! James folgt mit 29 Minuten Rückstand. Da habe ich auf der relativ kurzen und nur leicht vom Wind beeinflussten Strecke einen ordentlichen Vorsprung herausgefahren.

James spendiert mir ein Bier und gibt zu, dass er nicht schneller fahren konnte. Er beklagt sich über etwas müde Beine.Das Rennen hat sich zu einem reinen Zweikampf zwischen uns entwickelt. Nach James folgen lange keine Teilnehmer mehr. Die meisten sind ziemlich platt und wollen einfach nur noch ankommen. Auch Joost hat heute eine Pause eingelegt.

Quelle: 

Redaktion bikesport (Daniel Götz) / Text und Fotos: Alfred Mähr / bikedreams.com