Wettkampf



Andentrail: Wilde Hatz auf der Waschbrettpiste

Andentrail 2014: Racer Alfred Mähr macht weiter Boden gut.
Andentrail 2014: Alfred Mähr macht weiter Boden gut.

Es bleibt spannend: Alfred Mähr hat auf den letzten Etappen den Rückstand auf den Führenden James Hodges deutlich verkürzen können. Zeigt der Amerikaner Nerven oder taktiert er nur? Alfred erlebt derweil seine wohl stärkste Phase im Rennen. Doch die Reise ist noch weit. Rund 4000 Kilometer liegen noch vor den Teilnehmern bis ins Ziel nach Ushuaia in Argentinien.

26. Oktober 2014: Morgendliche Jagd über die Sandpiste
Etappe 67: Bushcamp Tocota – Barreal Camping 129 km, 58% Asphalt, Half-Timing
Wetter: sonnig, sehr warm

Die Nacht im Bushcamp bei der Polizeistation von Tacota war ruhig und erfrischend. Erstmals benutzte ich wieder den Schlafsack, um mich zuzudecken. Am Morgen ging es auf der gleichen Piste weiter, auf der wir gestern aufgehört hatten. Mit dem kleinen Unterschied, dass es auf 54 km über 1200 hm leicht bergab ging. Es galt, die Sand- und Kiesgruben frühzeitig zu orten und entweder zu umsteuern oder volle Pulle durchzufahren. Rien und Joost waren von Anfang wieder vorne. 

Irgendwann aber blieben sie im Sand stecken. Mein querido Burro war nicht störrisch, sondern dampfte durch. Rien schlich sich wieder davon, Joost und ich wechselten uns in der Verfolgung ab. Es war klar: Je schneller du in eine Sandgrube reinfährst, desto schneller wirst du auch wieder ausgeworfen. Oder du bleibst stecken. In wilder Jagd  ging es durch Sand und Kies. Bereits nach 1 Std. 20 Minuten hatten wir die 54 Kilometer „durchpflügt“. Rien und Joost waren 400 m vor mir und legten jetzt auch auf Asphalt wieder ein holländisches Teamfahren hin. Ich schaltete auf „Eco-Mous“, denn ich wusste, dass es mich mehr Kraft kosten würde, ihnen nachzujagen als ich Zeit verlieren würde. Ca. sieben Kilometer später sah ich die zwei an einer Gegensteigung wieder vor mir. Dann noch eine schnelle Abfahrt hinunter nach Calinggasta und schon war ich auf der Plaza beim Lunchtruck. Doch wo waren die beiden? Sie kamen etwa drei Minuten später, weil sie die richtige Abzweigung zum Truck verpasst hatten. Bad Luck. Damit stand ich zum zweiten Mal in dieser Woche als Etappensieger fest. Und James verlor heute nochmals eine Stunde. Damit habe ich innerhalb einer Woche den Vorsprung von James um die Hälfte reduziert.

Im zweiten Teil der Etappe ließen wir es dann gemütlich angehen und genossen die Landschaft. Links von uns winkten die schneebedeckten 6000er der argentinischen Anden, links von uns türmten sich surreale Felsformationen in allen möglichen Farben. Wir besuchten noch die „Cerro de Alcazar“ eine monumentale Felsformation. Zu meiner freudigen Überraschung wartete auf dem Campingplatz schon Hartmut. Er war die letzten neun Tage seit Salta teils die gleichen, teils andere Wege geradelt. Jetzt wird er die nächsten zwei Tage bis Mendoza nochmals bei uns mit radeln, um dann endgültig nach Buenos Aires abzubiegen. Es war schön, die Erfahrungen der letzten Tage auszutauschen und es wird noch schöner sein, mit ihm die nächsten Tage bis Mendoza zu verbringen.

27. Oktober 2014:  Von der Flugzeug-Startpiste auf das Waschbrett und zurück
Etappe 68: Barreal – Uspallata Camping, 111 km, 846 hm, 78 % Asphalt, Full-Timing
Wetter: sonnig, warm, teils Rückenwind, teils Gegenwind

Heute war nochmals Full-Timing angesagt. Habe gestern noch mit Hartmut die Taktik besprochen. Er hatte vor, bis zum Lunchstopp Gas zu geben und danach Offroad auf „Ankommen“ umzuschalten. Nach einem gemütlichen Start setzte sich James etwas ab. In einer etwas größeren Gruppe hielten wir jedoch Anschluss. Die Straße war famos. Breit, neuer, glatter Asphalt, kein Verkehr und Rückenwind. Es war wie auf der Startbahn eines Flughafens. Abgehoben haben wir zwar nicht, aber der Tacho zeigte immer über 40 km/h. Hartmut fuhr auf der Gegenfahrbahn und machte während der Fahrt Fotos. Er hatte nach vorne und hinten kilometerweite Sicht.

Während den ersten zwei Stunden begegnete uns ein einziges Auto. Dann kam eine längere Steigung. Hartmut zog mächtig an und der Pulk flog schnell auseinander. Nur Rien und ich konnten folgen. Vor Hartmut befand sich noch Lucho. Doch auch ihn schnappten wir uns im Eilzugtempo. Dann kam überraschend früh die Waschbrettpiste. Von einem Meter auf den anderen änderte sich die Situation. Hartmut musste das Tempo drosseln. Wenige Kilometer später stand der Lunchtruck. Lucho fuhr vorbei, Rien und ich machten einen kurzen Stopp. Und weiter ging die Hatz über die Waschbrettpiste. Es galt, die optimale Spur zu finden. Es rüttelte trotz Federung mächtig. Die Einstellschraube meiner Armbanduhr scheuerte mir die Haut am Handgelenk auf. Rien war auf dieser Piste nicht zu halten. Auf Lucho fuhr ich nach wenigen Kilometern wieder auf. Er hielt sich in meinem Windschatten. Inzwischen blies ein frischer Wind direkt von vorne. Ich versuchte trotzdem, das Tempo hochzuhalten.

Nach 30 Kilometern Waschbrettpiste änderte sich die Situation ebenso schnell wieder wie zuvor. Von einem Meter auf den anderen wieder eine Super-Straße, jetzt leicht abwärts. Mit schnellen Führungswechseln hielten wir das Tempo hoch, Wir kamen beide zeitgleich noch vor 12 Uhr am Campingplatz in Uspallata an. Rien war 20 Minuten vor uns. Mit mehr als einer Stunde Rückstand kam dann Hardy, Joost, Jürg. James hatte wieder mächtig zu kämpfen und hatte mit dem Aufziehen der schmalen Reifen tags zuvor auch einen Missgriff getan. Der Campingplatz liegt zwar schön, die Waschräume und Toiletten sind basic.

28. Oktober 2014:  Umsonst gequält
Etappe 69: Uspallata – Mendoza, 107 km
, 1270 hm, 62% Asphalt, Half-Timing
Wetter: morgens kühl, dann sonnig, nachmittags warm

Die Nacht war frustrierend. Habe mir beim Abendessen gründlich den Magen verdorben. Musste ihn mehrmals nachts, aus dem Zelt kriechend, rückwärts entleeren und die Toilette aufsuchen. Erst gegen Morgen konnte ich dann etwas schlafen. Und heute stand eine Bergwertung auf Sandpiste an. Eigentlich das, was mir liegt.

Der Start war chaotisch. Jeder fuhr los, ohne zu wissen, ob der Start freigegeben war. Ich ließ es verhalten angehend im Wissen, dass ich einfach ankommen musste. Der Beleg wechselte ein paar Mal von schlechtem Asphalt aus Schotter/Kies. Und es ging 1200 Höhenmeter bergauf auf wieder einmal über 3000 m. Rien und Diederik, die holländischen Bergspezialisten, ließen es krachen. Terry überholte mich als ich meine Weste auszog. Meine Beine waren zwar wie gewohnt gut, mein Bauch und mein Kopf bremsten mich aber gewaltig. Der Waschbrett-Untergrund war nicht gerade das Beste, was ich für meinen Magen tun konnte. Immer wieder fiel mir mein eigener Spruch ein, den ich im Vorfeld des Andentrails sagte: „Schmerzen vergehen, Stolz bleibt.“ Damals wollte ich mich damit selbst motivieren, heute wurde er Realität. Er motivierte mich so stark, dass ich als Vierter am Pass ankam und noch 22 Minuten vor James. Umso schlimmer war dann für mich die Ernüchterung, als ich erfuhr, dass die Etappe nicht gewertet werden sollte. Grund: Der Start war noch nicht freigegeben. Doch die Enttäuschung hielt sich in Grenzen. Die Freude, die Wertung überwunden zu haben, war größer.

Wir hatten beim Lunchtruck zwar erst 30 Kilometer, aber danach ging es fast nur noch abwärts. Die ersten 25 Kilometer noch Offroad, danach auf Teer. Diese Abfahrt stellte fast noch die Death Road in den Schatten. Über  364 Kurven und 2100 Tiefenmeter ging es teils spektakulär nach unten. Öfters hielten wir an, um Fotos zu machen. Hartmut hatte es natürlich mit seinem ungefederten Tourenrad nicht leicht. Aber seine große Erfahrung auf zwei Rädern brachte ihn auch hier nach unten. Dazu machte er noch viele tolle Fotos. Er ist nicht nur ein guter Radfahrer, sondern ein ebenso guter Fotograf.

Im Tal hatten wir noch fast 30 Kilometer flach zu überwinden. Hier knallte die Sonne wieder mächtig auf uns runter. Erst am späten Nachmittag erreichten wir den Campingplatz Suizo etwas außerhalb Mendozas. Hardy und ich fuhren mit dem Rad gleich die acht Kilometer wieder zurück und mieteten uns in einem einfachen Hostal ein. Nach 14 Tagen Bushcamp und Camping wollten wir wieder einmal ein richtiges Bett mit Waschgelegenheiten. Später fuhr ich mit dem Taxi nochmals auf den Campingplatz. Es war Barbeque angesagt und die Verabschiedung von Köchin Ellen, Rien Lauwerwijssen, dem besten Fahrer im Feld und Hartmut, der uns jetzt endgültig verlässt. Er fährt jetzt in acht Tagen ins 1200 km entfernte Buenos Aires, um von dort nach Hause zu fliegen. Schade! Aber daheim wartet die Arbeit auf ihn.

Quelle: 

Redaktion bikesport (Daniel Götz) / Fotos: Alfred Mähr