Wettkampf



Andentrail: Mit Vollgas über den Rio Grande

Den Blick nach vorne, die atemberaubende Landschaft im Hintergrund: Alfred Mähr
Den Blick nach vorne, die atemberaubende Landschaft im Hintergrund: Alfred Mähr

11. November 2014:  Eine kalte Sightseeing-Tour
Etappe 80: Ruta de 7 Lagos – Villa la Angostura, 60 km,
871 hm, 70% Asphalt, no Timing
Wetter: bewölkt, kalt mit Temperaturen zwischen 5 und 12°, wenig Wind

Sitze gerade mit Jürg im warmen Cafe „Ruta 40“ bei einem Cappuccino und wir genießen die Wärme. Es war heute Morgen im Laufe der relativ kurzen Etappe sehr kalt. Alle holten ihre wärmsten Sachen aus dem Gepäck, um nicht zu frieren. Gottseidank blieb es wenigstens von oben her trocken. Schon vor 13 Uhr trafen wir trotz vielen Fotostopps auf dem Campingplatz in Villa la Angostura ein. Der toll gelegene Campingplatz steht wahrscheinlich unter deutscher Leitung. Einerseits viele Schilder mit Vorschriften, andererseits erstmals gepflegte Toiletten und Duschen. Es scheint so, dass sich die hygienischen Zustände verbessern, je weiter wir nach Süden kommen. Wir haben nichts dagegen.

Hier in Villa la Angostura ist deutlich zu spüren, dass wir in einem von Tourismus geprägten Ort sind. Viele Sport- und Modegeschäfte säumen die Hauptstraße. Sowohl Ski- als auch Wassersportmöglichkeiten gibt es hier en Masse. Wir sind ja nicht mehr weit von San Carlos die Bariloche entfernt. Das wird ja oft als St. Moritz Südamerikas bezeichnet. Auch hier sind schon die touristischen Einflüsse zu spüren.

12. November 2014:  Die Fahrt nach dem St. Moritz Südamerikas
Etappe 81: Villa la Angostura – San Carlos de Bariloche, 86 km,
746 hm, 100% Ashalt, no Timing
Wetter: morgens kalt, dann sonnig und warm Rückenwind, die letzten 20 km Gegenwind

Diese Etappe hätte auch irgendwo in der Schweiz in einem Nationalpark sein können. Da taucht die Frage auf: Warum muss ich denn da nach Südamerika, das habe ich doch fast vor der Haustür? Das ist teilweise richtig. Aber vom Start in Villa la Angostura  bis zum Ziel in Bariloche sind es fast 100 km. Dazwischen liegen keine Stadt und keine Ansiedlung. Wir fahren fast 80 Kilometer am Lago Nahuel Huapi vorbei. Das Ufer ist unberührt. Wo findet man in den Alpen noch solche unbewohnte  Gegenden? Man muss schon lange suchen, um ein 30 Kilometer langes, ruhiges Seitental zu finden. Jenseits des Sees leuchten die schneebedeckten Berge des Tronadors, Cerro Catedral und Cerro Lopez. Sie sind bekannt als Skiberge. Außer Skifahren sind viele Touristen zum Klettern, Trekking und Sightseeing. Im Sommer findet man am Strand von  auch Badegästen. Ins Wasser dürften dabei nur die wenigsten gehen. Der See wird niemals wärmer als 14° Celsius. Bariloche geriet 1995 in die Schlagzeilen, als sich herausstellte, dass die ehemaligen deutschen SS-Hauptsturmführer Erich Priebke und Adolf Eichmann hier Zuflucht suchten.

Das Fahrradfahren war heute eigentlich nur Nebensache. Die kleine körperliche Anstrengung wurde bei Weitem überlagert durch die landschaftlichen Eindrücke und die  in die Nase steigenden Gerüche der blühenden Sträucher und der Kieferbäume. An solchen Tagen wie heute fühlst du dich begnadigt, diesen Trail machen zu dürfen. Erst die letzten 20 Kilometer mussten wir gegen einen leichten Wind fahren. Doch der Lohn folgte gleich durch ein tolles Hotel mit richtigen Betten und einem Ruhetag.

14. November 2014 Ein perfekter Tag
Etappe 82 S.C. De Bariloche -  El Bolson,  123 km, 1289 hm, 100% Asphalt, Full-Timing

sonnig, warm, kaum Wind

Heute darf Jan Willem den Startschuss geben. Er hat den Trail programmgemäß in Bariloche beendet und fliegt erst am Samstag nach Hause. Jan Willem flog im gleichen Flugzeug wie ich vor mehr als dreieinhalb Monaten von Amsterdam nach Quito. Er hat sich sehr für die Gruppe engagiert, war  bei jeder Arbeit immer der Erste, der half und darüber hinaus war er auch noch der Mister „Fotograf“. Er fand immer ein Motiv. Am liebsten fotografierte er Blumen. Und die meisten kannte er auch noch mit dem lateinischen Namen. Er wird uns deshalb fehlen.

Gleich in Bariloche ging es mächtig bergan. James wurde bald von Terry, dem Australier eingeholt und kurz darauf zog auch ich an ihm vorbei. Wenig später schloss ich zu Terry auf und gemeinsam kämpften wir die ersten 10 Kilometer gegen den Wind, der dann bald nachließ und plötzlich drehte, sodass wir ihn von hinten hatten. In mächtigem Tempo ging es kurze Anstiege hinauf und wieder hinunter. Schon nach 53 Kilometer stand der Lunchtruck. Ich legte nur kurz meinen Rucksack ins Fahrzeug, schnappte mir einen  Apfelschnitz und ein Kuchenstück und weiter ging die Fahrt.

Es folgten jetzt längere Downhills die wir mit Rückenwindunterstützung hinunter brausten. Zwei knackige Anstiege folgten und dann ging es 30 Kilometer weitgehend abwärts. In der Ortschaft von El Bolson, dem Zielort, gab Terry nochmals richtig Gas. Ich war überrascht, denn normalerweise fährt man nach 126 Kilometern gemeinsamer Arbeit auch gemeinsam ins Ziel. Doch er wollte die Etappe als Einziger gewinnen. So kam er mit einer Minute vor mir an der Zielflagge an. Soll ihm guttun. Das Positive war, dass er mir half, einen größeren Tagesvorsprung auf James herauszufahren. Der kam 30 Minuten nach uns ins Ziel. Für diese schnelle Strecke auf Asphalt ein ordentlicher Vorsprung. Wir benötigten gerade mal vier Stunden. und 15 Minuten für die 126 Kilometer. Und hatten noch viel Freude an der Landschaft dabei. Und das bei Temperaturen um die 20°. Außer den Augen kam aber auch die Nase heute wieder zum Hochgenuss. Der blühende Ginster und die Kieferwälder dufteten heute besonders intensiv.

15. November 2014: Rennfieber und Augenschmaus
Etappe 83:  El Bolson – NP Los Alerces, 91 km,
947 hm, 90% Asphalt, Half-Timing
Wetter: sonnig, warm, wenig Wind

Die heutige Etappe musste verkürzt werden, da der Campingplatz im Nationalpark Los Alerces noch nicht geöffnet ist. Wir bekommen einen anderen Campground etwa 13 km früher. Die Full-Time-Wertung wird daher auch umgewandelt in eine Half-Time Wertung, also nur bis zum Lunchtruck, der bei Kilometer 67steht. Als ich kurz nach dem Start an Josst vorbeifahre, schließt er sofort auf und gibt mächtig Gas. Bald ist hinter uns keiner mehr zu sehen. Zuerst geht es aufwärts, dann in stetigem auf und ab weiter und zum Schluss folgt ein längerer Anstieg, bevor des dann flach, aber bei zunehmendem Gegenwind weitergeht. Schon nach 2.15 Stunden erreichen wir zusammen als Erste den Lunchtruck. Das entspricht einem  Durchschnitt von knapp 30 km/h. James, der als nächster eintrifft, haben wir auf dieser Distanz 30 Minuten abgenommen. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass solche schnellen Strecken eigentlich früher seine Stärke waren.

Der Lunchtruck steht am Haus, wo früher Butch Cassidy gewohnt hat. Der hat zusammen mit Sundance Kid spektakuläre Bank und Zugüberfälle in Amerika durchgeführt und war hier untergetaucht. Es ist leicht vorstellbar, dass man in dieser weitläufigen, wenig  bewohnten Gegend untertauchen kann. Auf jeden Fall ist es ein ganz bescheidenes, unscheinbares Haus, in dem er mehrere Jahre gelebt haben soll.

16. November 2014: Eine schöne, lange Fahrt nach Chile
Etappe 84: NP Los Alerces – Futaleufu, 143 km,
1387 hm, 30% Asphalt, no Timing
Wetter: sonnig, warm, kaum Wind

Während die letzten Wochen die Hunde nachts immer Lärm durch ihre stetige Bellerei gemacht haben, sind es jetzt in Patagonien die Vögel. Es ist schon fast eine Plage. Sie sehen schön aus, sind etwas größer als Krähen, aber sie können nervtötend kreischen, und das mitten in der Nacht. Der Schlaf war trotzdem einigermaßen gut. Ein wolkenloser Tag kündigt sich an. Gute Voraussetzung also für diese lange Etappe. Wir müssen ja erstmal 18 Kilometer vom Vortag fahren, da wir das Camp früher aufschlagen mussten. Es ist wieder eine Augenweide. Störend sind nur die relativ vielen Autos, meist mit Bootsanhängern, die uns entgegen brausen und viel Staub aufwirbeln. Es geht in stetigem auf und ab über 65 km offroad.

Nur zwei Kilometer nach dem Lunch an einer wunderbaren Stelle an einem See beginnt eine geteerte Straße bis zu der Ortschaft Trevelin, Danach geht es nochmals über 35 Kilometer offroad den Bergen und dem Rio Grande entgegen. Wir überquerten den Fluss bereits einmal, als wir Patagonia betraten. Heute bildet er die Grenze zu Chile. Nach der Brücke kommt auch gleich die Grenzstation. Ich betrete wieder als erster Fahrer das fünfte und letzte Land auf unserem Anden-Trail. Die Abfertigung erfolgt problemlos. Die Rucksäcke werden aber rigoros durchsucht auf  Früchte und Gemüse.  Sie wollen mit allen Mitteln verhindern, dass die Fruchtfliege importiert wird. Wer noch eine Banane im Rucksack hat muss sie abgeben oder essen. Nach der Grenze beginnt  eine gut geteerte Straße. Es ist alles frühlingshaft grün und farbig durch die mannigfach blühenden Blumen. Wir haben sofort den Eindruck, dass hier alles nochmals gepflegter und zivilisierter ist.

18. November 2014: Durch den chilenischen Regenwald zum 10. Etappensieg
Etappe 85: Futaleufu – Bushcamp Villa Vanguadia 107 km,
1202 hm, 15% Asphalt, Full-Timing,
Wetter: vormittags sonnig,warm, nachmittags bewölkt, später Regen

Regenwald kommt von Regen und  Wald. Den Wald hatten wir gestern schon, heute kam der Regen dazu. Wir sind jetzt in Chile auf der Westseite der Kordilleren und damit  auf der Wetterseite. Hier regnen  sich die Wolken ab. Der Regen prasselt jetzt konstant seit drei Stunden gegen das Zeltdach, Dabei sind wir heute Morgen bei strahlendem Sonnenschein nach einem guten Hotelfrühstück in Futaleufu gestartet. Auf dem Plan standen 107 km Offroad. Ich stieg dabei am ersten Anstieg gleich wieder  mächtig in die Pedale. Die Beine fühlten sich trotz den gestrigen Strapazen gut an. Als ich mich umschaute,  war nur noch Joost hinter mir – das gewohnte Bild. Wir legten gleich richtig Tempo vor, dann war auch von James nichts mehr zu sehen. Es ging an vielen Seen vorbei, über Brücken mit tosenden Gebirgsbächen und an Wasserfällen. Bei mir kam ein Feeling auf wie bei einer Alpenüberquerung. Die Piste war einigermaßen gut befahrbar, auf der 2. Hälfte machten wir nochmals ordentlich Speed und kamen so eine halbe Stunde vor James im Bushcamp in Villa Vanguartdia an. Für mich war es der zehnte Etappensieg und der siebte in den letzten acht Etappen. Vier davon habe ich zusammen mit Joost gewonnen. Wir sind inzwischen ein fast unschlagbares Team.

Quelle: 

Redaktion bikesport (Daniel Götz) / Text und Fotos: Alfred Mähr