Wettkampf



Andentrail: Überlebenskampf und Auferstehung

Andentrail 2014: Alfred Mähr hat abenteuerliche Tage hinter sich
Andentrail 2014: Alfred Mähr hat abenteuerliche Tage hinter sich

Es sind keine einfachen Tage für Alfred Mähr. Nach zuletzt zwei Etappensiegen verirrt er sich mit einem Mitkonkurrenten, verliert viel Zeit auf die Spitze und ist am Ende froh überhaupt das Bushcamp wiederzufinden. Doch was die Tage darauf folgt ist eine "Auferstehung" vom Allerfeinsten. Alfred beweist seinen Ruf als Kämpfernatur. Echte Schwaben sind einfach zäh. Mehr dazu in seinem ganz persönlichem Erlebnisbericht.

1. November 2014:  Überlebenskampf
Etappe 71: San Carlos – Bushcamp , 113 km,
1177 hm, 10% Asphalt, Full-Timing
Wetter: Nebel, Nieselregen, Kälteeinbruch, 5° Celsius.
Lege mich gleich auf den Triathlonlenker und nehme Fahrt auf. Nach 15 Kilometer sehe ich, dass mir jemand im Windschatten gefolgt ist. Es ist Joost. Nach einer kurzen Offroad-Pasage geht es auf frischem Asphalt immer aufwärts. Wir freuen uns schon, weil wir annehmen, dass die Strecke inzwischen geteert ist. Doch bald sind wir wieder auf der Waschbrettpiste bzw. auf der kilometerlangen Baustelle der neuen RN 40. Der Lunchtruck steht bei Kilometer 60 zwischen der alten RN 40, die inzwischen umbenannt wurde in RP 101 und der neuen, im Bau befindlichen RN 40. Wir entscheiden uns für die neue Trassenführung. Allerdings werden wir von den Straßenarbeitern immer wieder angewiesen, die Straße zu verlassen.

Die Straßenbaustelle hat enorme Ausmaße. Sie ist teilweise mehrere hundert Meter breit mit vielen Fahrspuren. Wir merken nicht, dass wir uns immer mehr von der alten RN 40 entfernen. Irgendwann nach mehr als 90 Kilometer stehen wir in einem Flussbett und die Piste endet im Kies. Wir kehren zurück und versuchen mit dem GPS uns einzunorden. Da begegnet uns ein Jeep und der Fahrer macht uns auf fast unverständlichem Spanisch deutlich, dass wir zu weit rechts sind und eine Piste nach links nehmen müssen. Wir finden eine solche Piste und fahren mehr als eineinhalb Stunden auf einer üblen Piste mit Sandgruben in diese Richtung. Dann stehen wir auf einmal vor einem größeren See und haben die Wahl: rechts oder links zu fahren. Mein Garmin hat die RP 101 auf der linken, die RNN 40 auf der rechten  Seite. Was tun? Wir kehren um, um die ganze Strecke zurück in Richtung Lunchstelle zu fahren. Inzwischen haben wir fast 150 Kilometer, davon das meiste auf übler Piste, zurückgelegt und sind  am Ende unserer Kräfte. Dazu kommen Temperaturen von unter 5 ° bei  kurzen Hosen und ohne Windjacke. Wir frieren erbärmlich.

Es nieselt immer wieder und ist Neblig. Ein schauriges Wetter. Wie zuhause an Allerheiligen. Es ist Samstagabend und kein Straßenarbeiter  mehr zu sehen. Irgendwann entdecken wir einen Bauarbeiter-Container. Die Tür steht offen. Ein Stück Brot auf dem  Tisch, das wir sofort vertilgen. Ein Gasherd und zwei Streichhölzer könnten uns vielleicht weiterhelfen. Wir bringen ihn nicht an. Im Container sind vielleicht Temperaturen von 8°, draußen von 4°.  Übernachten? Ich schlottere erbärmlich. Joost scheint es etwas besser zu gehen. Wir überlegen. Dann kommt doch noch ein Baustellen-Truck angefahren. Joost rennt sofort hinaus und stoppt ihn wild gestikulierend. Er hat Erbarmen und nimmt uns mit. Die Räder verladen wir notdürftig zwischen Führerhaus und Auflieger. Er sieht, dass wir erbärmlich frieren. „Mucho frio“  und er stellt die Heizung auf Höchstleistung. Nach knapp 10 Minuten glauben wir, unseren Augen nicht zu trauen. Auf der Gegenspur, etwa 50 Meter entfernt, begegnet uns Walter mit dem Lunchtruck. Er ist offensichtlich auf Suche nach uns. Sofort springt Joost aus dem fahrenden Truck und macht sich mit Pfiffen bemerkbar. Es ist die Erlösung.

Walter und Annelot haben richtig angenommen, dass wir uns hier irgendwo befinden müssten. Ein warmer Tee und warme Temperaturen im Truck bringen uns ins Leben zurück. Im Camp werden wir ungläubigen Gesichtern empfangen. Sie hatten uns sicher nicht mehr erwartet. Die Hilfsbereitschaft ist groß. Bei einsetzendem Regen und Temperaturen um den Gefrierpunkt helfen uns viele Hände, das Zelt aufzubauen und uns mit warmen Kleidern zu versorgen. Ein paar Gläser warmer Tee und es geht uns schon besser. Gottseidank hat Robert auf dieser Polizeistation in der Pampa eine Bootsscheune für das Abendessen organisieren können. Nicht auszudenken, wo wir sonst ein Abendessen hätten bekommen können. Wir erfahren, dass dies der kälteste Tag in dieser Region Argentiniens seit 40 Jahren war.

Nachdem wir, Joost und ich, dieses Abenteuer überlebt haben, beschäftigt uns aber auch schon die nächste Frage: Wie viel Zeit wird uns angerechnet? Bleiben wir auf 100% zurückgelegte Strecke, da wir ja in den Truck eingestiegen sind. Rob klärt uns auf: Wir bekommen 12 Stunden angerechnet und können nur auf den 100% Strecke bleiben, wenn wir morgen uns zurückfahren lassen bis zu der Stelle, wo wir vom Truck eingeladen wurden. Für uns beide ist das keine Frage. Wir werden das morgen organisieren und uns zurückbringen lassen. Obwohl morgen schon 150 Kilometer auf der Tagesordnung stehen.

2. November 2014:  Ein langer Tag
Etappe 72: Bushcamp  -Malargüe, 180 km, 1110 hm, 70% Asphalt, Full-Timing
Wetter: kalt, Regen, Schneeschauer, später sonnig.
Die Regeln sind grausam, Aber wir wollen bei den 100% bleiben. Die Polizisten, die bei unserem Bushcamp stationiert sind, wollen uns nicht zurückbringen, vermitteln uns aber einen Jeep, der uns für 300 Pesos zu der Stelle zurückbringt, wo wir gestern waren. Allerdings dauert es fast eine Stunde, bis dieser Jeep da ist. So nehmen wir reichlich verspätet die lange Strecke in Angriff. Das Wetter ist morgens nicht besser als gestern. Doch heute sind wir von der Kleidung her darauf eingestellt. Es nieselt wieder, dann empfängt uns Schneetreiben.

Wir haben insgesamt 65 Kilometer auf der fast endlosen, schnurgeraden Waschbrettpiste zurückzulegen. Endlich kommen wir an die Junction, wo die Teerstraße beginnt. Erst ist sie noch nass, später trocknet sie ab und die Bewölkung lichtet sich. Wir erreichen gerade noch den Lunchtruck, bevor dieser weiterfährt. In El Rosneado werden wir ein zweites Mal verpflegt. Dort ist das Ruta 40  Schild angebracht, dass darauf hinweist, dass es von hier aus noch genau 3000 Kilometer bis Ushuaia sind. Für uns werden das aber ca. 600 Kilometer mehr sein, da wir zweimal einen Abstecher nach Chile machen werden. Die letzten 50 Kilometer legen wir bei Rückenwind und dem Hochgefühl zurück, dieses fast unmögliche Unterfangen zu einem glücklichen Ende bringen zu können. James hat dies durch unser Missgeschick etwa sieben Stunden  Zeitvorsprung verschafft. Doch für Joost und mich steht weiterhin als erstes Ziel fest, die gesamte Strecke zurückgelegt zu haben. Bei noch ausstehenden 20 Timing-Etappen besteht noch genügend Möglichkeit, die Platzierung zu verbessern.

3. November 2014 Die Auferstehung
Etappe 73: Malargue – Bushcamp Buta Billon, 115 km, 916 hm, 81 % Asphalt, Full-Timing
Wetter: kühl, sonnig, später etwas wärmer
Der Schlaf nach dieser Mammut-Etappe war einigermaßen erholsam. Die Beine sind überraschend gut. Es geht flach auf Asphalt los. Ich lege mich auf den Triathlonlenker und nehme Fahrt auf. Einfach um zu sehen, was passiert. Nach wenigen Kilometern sehe ich einen Schatten hinter mir. Denke, es ist Diederik. Der wollte anscheinend heute angreifen. Sehe mich um und sehe James und Joost. Die Straße beginnt langsam, aber stetig anzusteigen. An einer steileren Stelle ziehe ich das Tempo an. James kann nicht mehr folgen, Joost schafft es, auf mich wieder aufzuschließen.

 

Heftige Böen von allen Seiten folgen und es wird immer schwieriger, das Rad auf der Straße zu halten. Doch Joost ist der „Windmann“. Er hat eine unheimliche Power gegen den Wind. Dann geht es abwärts. Wir müssen trotzdem in die Pedale treten wie die Ochsen. Wir sind froh, den Lunchtruck zu erreichen, um unsere Speicher aufzufüllen. Danach wechselt plötzlich der Wind die Seite. Er bläst jetzt teilweise von der Seite und von hinten. Das spielt uns in die Karten. Noch ein paar kleine Gegensteigungen und schon sind wir am Ziel in Malrgüe auf dem Campingplatz. James folgt mit über einer Stunde Rückstand als Dritter. Gut gelaufen nach diesen harten zwei Tagen. Und wir haben James gezeigt, dass mit uns wieder zu rechnen ist.

4. November 2014 Als Erster in Patagonien
Etappe 74 Bushcamp Buta Billon – Barrancas, 101 km, 1208 hm, 50% Asphalt, Full-Time
Wetter: sonnig, warm, kaum Wind

Es geht morgens gemütlich los. 10 Kilometer flach auf Asphalt. Spreche mich am Vorbeifahren mit Joost ab. Er will heute „easy going“ mit Michelle Gane machen. James zieht an uns vorbei. Das lässt mich erstmal kalt. Denn ich weiß, dass 50 Kilometer Offroad, davon 20 Kilometer bergauf folgen werden. Er ist 30 Sekunden vor mir auf der Waschbrettpiste. Ich lasse etwas Luft aus den Reifen und stelle die Dämpfung auf „soft“ Dann lege ich los. Schon nach einem Kilometer ziehe ich mühelos an ihm vorbei. Er hat mal wieder seine geliebten schmalen Reifen aufgezogen. Ein fataler Missgriff.

Die Beine sind gut und mein Querido Burro fühlt sich wieder im Element. Habe sogar noch Zeit, die tolle Landschaft mit den Canyons und Vulkanen zu bewundern. Dahinter sind die schneebedeckten Berge der Cordilleren. Die restlichen 40 km fliegen förmlich an mir vorbei. Erst als ich den Rio Grande überquere, wird mir bewusst, dass ich jetzt in der Provinz Neuquen in Patagonien bin. Ich habe sie als erster Fahrer des Andentrails erreicht. Vier Kilometer später bin ich auch als Erster im Ziel im Camping Barrancas. Eine Stunde nach mir folgen Joost und Michelle. 20 Minuten nach ihnen folgt erst James. Habe also heute wieder einige Zeit gut gemacht. Das gibt mir wieder Mut für die kommenden Wochen. Und James wird vielleicht wieder etwas nervöser werden.
Morgen gibt es kein Timing. Das werde ich genießen, obwohl von den 100 km 90% Waschbrettpiste sein werden. Dafür gibt es wieder eine tolle Landschaft zu bewundern.

Quelle: 

Redaktion bikesport (Daniel Götz) / Fotos: Alfred Mähr