Wettkampf



Andentrail: Rendezvous mit Patagonien

Bikesport-Racer Alfred Mähr besticht beim Andentrail in Patagonien
Bikesport-Racer Alfred Mähr besticht beim Andentrail in Patagonien

5. November 2014: Erste Kontakte mit dem patagonischen Wind
Etappe 75: Barrancas – Chos Malal, 94 km,
1424 hm, 8% Asphalt,  no Timing
Wetter: sonnig, kühl, sehr windig

Es stehen heute zwei Varianten zur Wahl: Pest oder Cholera. Entweder 124 Kilometer auf der asphaltierten Straße mit heftigem Gegenwind oder 85 Kilometer Waschbrettpiste mit über 1400 Höhenmetern bergauf. Rob sagt, dass die letzten Jahre immer die Offroad-Fahrer früher am Ziel waren. Ich wähle natürlich wie ungefähr die Hälfte der übrigen Fahrer Offroad. Es ist heute kein Timing angesagt. Daher geht es vorerst gemütlich auf dem schon bekannten welligen Untergrund bergauf.

Dann kommt  teilweise heftiger Gegenwind. Es geht an Vulkanen und Lagunen mit Flamingos vorbei und auch viele andere Vogelarten sind zu bewundern. Schafherden ziehen durch die Pampa und ganz vereinzelt ist auch mal ein Gaucho zu Pferde zu sehen. Ansiedlungen oder  Ortschaften gibt es nicht. Beim Lunchtruck stößt Rob zu mir. Nach einem ausgiebigen Lunch nehmen wir den Downhill mit über 1500 Höhenmetern in Angriff. Nach anfänglichem heftigem Gegenwind haben wir auf einmal Rückenwind und in hohem Tempo geht es auf immer besser werdenden Straßen bergab. Wir treffen als Erste im Camp ein. Es ist wie Rob es vorhergesagt hatte: Die Asphaltfahrer treffen erst zwei Stunden später ein.

6. November 2014 Ruhetag in Chos Malal/Patagonien
Die Ruhetage werden von allen Teilnehmern immer sehnlicher erwartet. Lange, anspruchsvolle Etappen auf  motivationsraubenden Sand-, Kies-, und Staubpisten und jetzt auch noch mit heftigen Winden sind nur mit großem Willen zu überwinden. Es wird immer mehr eine Frage des Kopfes, nicht der Beine. Obwohl gerade diese Beine genauso dringend einen Ruhetag brauchen. 

Für mich und auch für Joost war die vergangene Einheit nicht nur eine harte Bewährungsprobe, sondern ein körperlicher und geistiger Kampf am Rande des Möglichen. Das Verirren in der argentinischen Pampa stellte uns vor eine harte Probe. Wir haben unfreiwillig das Rettungssystem der Organisatoren getestet. Es hat gottseidank funktioniert. Nicht auszudenken, wenn Walter und Annelot uns nicht gefunden hätten.

Dieses Abenteuer hat Joost und mich zusammengeschweißt. Wir haben auch gespürt, dass wir vom gleichen Geist beseelt sind: Bis Ushuaia jeden Meter durchzufahren. Darum haben wir auch tags darauf die Regularien des Veranstalters akzeptiert, die Strecke teilweise nochmals zu fahren. Und das zusätzlich zu der sowieso langen Tagesetappe von 150 Kilometern. Doch wie heißt der flapsige Spruch: Was dich nicht umbringt, macht dich nur härter. Und das haben wir einen Tag später eindeutig bewiesen, indem wir die nächste Etappe gemeinsam gewonnen haben.

7. November 2014:  Nach 161 km Solofahrt zum 6. Etappensieg
Etappe 76: Chos Malal – Las Lejas Camping, 161 km,
1265 hm, 100% Asphalt, Full-   Timing
Wetter: warm, bewölkt, erst Rückenwind, dann teilweise Gegenwind

Die erste von drei Full-Timing Etappen war eigentlich eine maßgeschneiderte für James. Er ließ auch gleich beim Start in Chos Malal keine Zweifel aufkommen und legte sich flach auf seinen Lenker und zog mit Rückenwind davon. Ich tat es ihm nach und merkte sehr bald, dass sich sein Vorsprung von knapp einem Kilometer nicht mehr vergrößerte. Beim ersten längeren Anstieg zog ich an ihm vorbei. Sein Konter kam in der Abfahrt. Der Wind kam schräg von hinten und drückte mir das Rad immer wieder gewaltig zur Seite weg. Ich wollte kein Risiko eingehen und hielt den Lenker wieder außen in der normalen Position. Es war wie beim Segeln hart am Wind. Das Rad in Schräglage und den Lenker festhalten – und ab ging die Post.

Es ging kupiert weiter mit kurzen Anstiegen und Abfahrten. Ich kam als Erster auf dem Campingplatz in Las Lajas an und gewann damit die dritte Etappe hintereinander. James kam acht Minuten später und wird sich Gedanken gemacht haben, weil ich jetzt auch noch auf der Straße schneller war als er. Möglich war das nur durch den Triathlonlenker. Diesen Vorteil hat er eben jetzt nicht mehr exklusiv.

8. November 2014   Willkommen in Patagonien
Etappe 77 Las Lajas – Alumine`, 131 km,
1516 hm, 51% Asphalt, Full-Timing
Wetter: warm, im ersten Teil teils heftiger Gegenwind, danach wenig Wind

Vor dieser Monsteretappe hatten alle Teilnehmer gewaltig Bammel. In früheren Andentrails war hier der Gegenwind teils so heftig, dass insgesamt nur drei Teilnehmer die Etappe ohne Einstieg in den Truck überstanden. Darum war der Start auch um eine Stunde nach vorne verschoben. Die Zelte mussten mit der Stirnlampe abgebaut werden.

Die ersten 10 Kilometer waren flach. James übernahm gleich das Kommando. Dahinter folgte ich in seinem Windschatten. Beim ersten Anstieg zog ich das Tempo an und an ihm vorbei. Es folgten mir Joost, Diederik und Terry. Den teils heftigen Gegenwind in der Steigung meisterten wir durch permanenten Wechsel in der Führung. Beim Lunch hatten wir etwa zwei Minuten Rückstand. Diederik, Rob und Terry wollten gemäßigter weiterfahren. Nach 60 Kilometer hatten wir den Pass erreicht. Jetzt ging es auf teils sandiger, kiesiger Straße überwiegend bergab. Die Landschaft änderte sich total. Kiefer- und Tannenbäume säumten jetzt den Weg, dahinter schneebedeckte Berge, die sich im Lago Alumine spiegelten. Eine Landschaft, die jetzt immer mehr den Alpen ähnelte.

Die Offroadstrecke zog sich mächtig, immer am Fluß entlang mit kurzen Gegensteigungen. Nach 6:35 Stunden. Fahrzeit erreichten wir gemeinsam als Etappensieger das Camp. James folgte erst mit 1:30  Stunden Rückstand als Sechster. Nach der langen Solofahrt von gestern und dem heftigen Aufstieg bei Gegenwind heute war ich ziemlich platt. Morgen wird wieder eine Etappe mit Timing sein, bei der ich James nochmals ein paar Minuten abknöpfen möchte.

9. November 2014:  Zum fünften Etappensieg in Folge
Etappe 78: Alumine – Junin de los Andes 120 km,
1144 hm, 39% Asphalt, Full-Timing
Wetter: morgens kalt, tagsüber teils sehr warm., wenig Wind

Als ich nachts einmal aus dem Zelt krieche um das OAK (Open-Air-Klo) zu benutzen, spiegelt sich der Vollmond auf der Wasseroberfläche des direkt am Zelt vorbeifließenden Rio Alumine. Die Temperaturen waren nur knapp über null. Es ist bitterkalt, als wir losfahren. Nach 27 Kilometern Asphalt wechselt der Belag auf Sand/Kies. Danach sind wir vorne nur noch zu dritt: Joost und Michelle fahren mit. Michelle ist eine ausgesprochen gute australische Mountainbikerin und hat sich für heute scheinbar einiges vorgenommen. Es ist landschaftlich ausgesprochen schön. Der Straße entlang leuchtet es oft kilometerlang gelb von den Ginsterbüschen. Das Wasser des Flusses ist jetzt glasklar. Noch vor Tagen war es eine braune Brühe. In der Ferne leuchten die schneebedeckten Cordilleren.

Wir kommen zu dritt zum Lunchtruck. Schnell brechen wir wieder auf und nehmen den 500 Höhenmeter-Anstieg in Angriff. Dann kommt der lange, teils sehr schnelle Downhill. Joost ist eh der schnellste Abfahrer, Michelle nicht weniger durch ihre Mountainbike-Erfahrung und meinem Querido Burro ist eine solche Piste sowieso am liebsten. Mit bis zu 70 km/h geht es die Piste hinunter. Zum Schluss sind nochmals 20 Kilometer flach auf Asphalt zurückzulegen. So erreichen wir zu dritt das Etappenziel in Junin de los Andes. Das war eine tolle australisch/holländisch/deutsche Gemeinschaftsarbeit und für mich der fünfte Etappensieg in Folge. James folgt etwa 40 Minuten später als Fünfter.

Quelle: 

Redaktion bikesport (Daniel Götz) / Fotos+Text Alfred Mähr