Wettkampf



Andentrail: Rally nach Argentinien

Andentrail 2014: Alfred hat die Grenze zu Argentinien erreicht.
Andentrail 2014: Alfred hat die Grenze zu Argentinien erreicht.

Stürze, Lagerkoller, wenig Wasser. Der Andentrail geht an die Substanz. Alfred berichtet in seinem neuen Blogeintrag von der beschwerlichen Fahrt in Richtung Argentinien. Die Fahrer kämpfen dabei nicht nur gegen die äußeren Bedingungen, sondern auch immer mehr untereinander um individuelle Vorteile - auch abseits der Staubpisten...

7. Oktober 2014: Sonderprüfung mit Pleiten, Pech und Pannen
Etappe 52 Uyuni – Atocha, 110 km
, 689 hm, 1% Asphalt, Full Timing
Wetter: sonnig, warm, kein Wind

Nach dem erholsamen Ruhetag in Uyuni geht es heute auf eine Strecke, auf der auch die Piloten der Rally Dakar ihre Wettbewerbsfähigkeit beweisen müssen. Washboards, wadentiefer Sand und Flussbettdurchfahrten wechseln sich in unregelmäßigen Abständen ab. Bei uns erwischt es Buck Benson, der am Tag zuvor noch Geburtstag gefeiert hatte, am schlimmsten. Er fällt auf die Schulter und kugelt sich den Arm aus. Unsere Medizinerin Annelot kann ihn zwar sofort wieder einrenken, er wird aber ins Krankenhaus gefahren. Dadurch fällt der Lunchstop ins Wasser. Und Wasser ist genau das, was jetzt allen fehlt. Nach 56 Kilometern sind die Flaschen bei der Fahrt durch die sengende Sonne leer. Ich fahre weiter bis links von der Straße ein kleines Dorf auftaucht. Es gibt nur einen kleinen Dorfbrunnen. Ich frage die Einwohner, ob das Wasser trinkbar ist. Sie bejahen es. Mit mulmigem Gefühl fülle ich die Flaschen. Es geht weiter auf dieser Rallypiste. Waschbretter wechseln sich ab mit Sandgruben. Es gilt, die Ideallinie zu finden. Ich wechsle wahrscheinlich 100 Mal die Straßenseite, um den bestmöglichen Untergrund zu finden. Trotzdem bleibe ich zweimal im wadentiefen Sand stecken. Nach knapp fünf Stunden habe ich die 100 km bis Atocha auf dieser üblen Piste geschafft.

Das Bushcamp soll etwa sieben Kilometer nach dieser Ortschaft sein. Eine halbe Stunde lang ist kein Mensch weit und breit. Dann sehe ich am Horizont Lucho, unseren Mechaniker, auftauchen. Er ist falsch gefahren, dann umgekehrt und ist auch auf der Suche nach dem Bushcamp. Wir fragen einen vorbeifahrenden Motorradfahrer, ob er Radfahrer oder einen roten Truck gesehen habe. Ja, etwa fünf Kilometer vor dem Ort sei der Truck und auch Radfahrer. Wir fahren zurück und tatsächlich ist das Camp an der Stelle, wo ich vor zweieinhalb Stunden schon vorbeigefahren bin. Inzwischen habe ich 130 km auf dieser Piste zurückgelegt. Ziemlich angefettet und mit einer Staubschicht überzogen steige ich vom Rad. Wo war der Truck, wo waren Rob und Rien? Es stellt sich heraus, dass die beiden in der Ortschaft Atocha abgebogen sind, um sich zu verpflegen. Der Truck hatte technische Probleme und war weit nach meinem ersten Versuch am Campground. Ziemlich missmutig baue ich mein Zelt auf. Wie wird die Etappe gewertet? Keiner weiß es. Später befragt mich Rob, der mich und Lucho anscheinend gesucht hatte. Diese Etappe über 110 km volle Zeitnahme wollte ich unbedingt nutzen, um mich von meinem Konkurrenten um den 3. Platz, Joost abzusetzen. Das war heute mein Terrain, nicht seines. Eigentlich bin ich der gefühlte Sieger, da ich mit großem Abstand als Erster am Campground war.

Damit ist aber dieser Tag voller Pleiten, Pech und Pannen noch nicht beendet. Es stellt sich heraus, dass Walter mit seinem Truck ein Reserverad verloren hat. Er macht sich zusammen mit Rob auf den Weg zurück nach Uyuni, um das Rad zu suchen. Das ist natürlich bei der einsetzenden Dunkelheit ein aussichtsloses Unternehmen. Sie schlafen am Ausgangspunkt in Uyuni und fahren bei einsetzendem Tageslicht die ganze Strecke nochmals ab – ohne Erfolg.   

8. Oktober 2014  Und nochmals in den Hochanden
Etappe 53 Atocha – Tupiza, 109 km, 1541 hm, 1% Asphalt, no Timing
Wetter: sonnig, warm, kein Wind

Eigentlich spräche jetzt nichts gegen das auf dem Plan stehende half-Timing, also Zeitnahme bis zum Lunch. Doch es ist kein Timing. Das stinkt mir gewaltig. Denn ich wollte heute mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch fahren. Die Voraussetzungen dazu wären prächtig gewesen. Noch einmal Offroad, jedoch mit 1600 hm Uphill und 20 km technischem Downhill gespickt – eine Etappe wie maßgeschneidert für mich und mein querido Burro.

Noch  einmal kreuzen kleine Vicunaherden die Straßenseite. Werden es die letzten sein, die wir zu Gesicht bekommen? An der höchsten Stelle ist Lunchstop. Nur Rien ist vor mir. Er ist der Einzige, der mir auch Offraoad und in den Bergen überlegen ist. Nicht umsonst war er auch der Gewinner des letztjährigen “Great Divide“, des Rennens von Alaska bis Mexiko. Ich muss eine längere Pause einlegen, um meinen Garmin am Truck aufzuladen. Inzwischen ist auch James eingetroffen. Habe ihm am Berg das Hinterrad gezeigt. Fühle mich wie bei einem Mountainbike-Marathon. Die Felsformationen ähneln jetzt immer mehr der Landschaft in New Mexico. Meterhohe Kakteen links und rechts der Straße unterstreichen diesen Eindruck. Es ist die Szenerie eines Wildwestfilms.

9. Oktober 2014:  Ruhetag in Tupiza

Nur zwei Etappen lagen zwischen dem letzten Ruhetag in Uyuni und dem heutigen. Aber diese beiden Etappen hatten es in sich. 220 km übelster Offroad-Piste mit insgesamt über 2000 hm stellten hohe Anforderungen an Mensch und Material. Vor allem die letzte Abfahrt mit über 1000 hm verursachte bei den meisten ziemliche Arm- und Handgelenkschmerzen durch das krampfhafte Festhalten am Lenker, um nicht abgeschüttelt zu werden. Auch das Material wurde einer enormen Härteprüfung unterzogen. Habe heute zusammen mit Lucho, unserem Bordmechaniker, mein Fully einer genauen Inspektion unterzogen. Nach insgesamt 7500 km (5000 auf dem Andentrail, 2500 in der Vorbereitung) haben wir die Kassette und die Kette gewechselt sowie die Bremspads der Scheibenbremse. Dabei ist mir ohne Gewalteinwirkung der zweite Schraubenkopf der Fixierungsschraube der Bremsbeläge abgebrochen. Ich werde versuchen müssen, mit der gebrochenen Schraube bis Salta zu kommen, um dort Ersatz zu bekommen.

Trotz großem Einsatz der Organisationsleitung gärt es immer wieder in dem fast 40-köpfingen Teilnehmerfeld. Rücksichtnahme, Hilfe, Kooperation sind  für viele unbekannte Wörter, dafür kennen sie Ellbogenmentalität und Egoismus. Jeder beansprucht für sich das Beste. So musste ich ein schon bezogenes Zimmer räumen und mit meinen beiden Kameraden in eine „Besenkammer“ ziehen, weil sich andere dafür zu schade waren.

Morgen werden wir die Grenze nach Argentinien überschreiten. Was bleibt uns an Bolivien in Erinnerung? Die unendliche Weite des Altiplanos, das raue Klima dieser Höhe mit schweren Gewittern und eiskalten Nächten, der Titikacasee mit den schwimmenden Inseln der Uros, der Moloch LaPaz/El Alto und die Death Road, die Überquerung der größten Salzwüste der Erde, der Salar de Uyuni, sowie den staubigen und sandigen Pisten der Dakar-Rally, atemberaubende Schluchten und Felsformationen, Lama- und Vicunaherden. Oder die vielen freundlichen Einheimischen und die Kinder, die mit unseren Rädern fahren und uns am Arm zupfen durften, um einmal so ein Gringo berühren zu können? Wir werden schon ein wenig Wehmut verspüren, wenn es über die Grenze geht. 

10. Oktober 2014  Bolivien ade – Argentinien juchhe?
Etappe 54 Tupiza _ La Quiaca 93 km, 1296 hm, 100% Asphalt, half-Timing
Wetter:
sonnig, warm, später bewölkt, leichter Regen

Das Streckenprofil gefällt mir. Erst geht es 35 km dem Fluss entlang mit leichten Steigungen und Gefälle, danach sind 600 hm mit einigen steilen Rampen zu bewältigen. Das Rennen entwickelt sich wie erwartet. James vorneweg, dahinter die holländische Gruppe mit Rien, Joost und Dieterik und ich. Auf den schnellen Abfahrten muss ich die Holland-Connection ziehen lassen. Am Berg merke ich, dass ich heute mit der Atmung keine Probleme habe und fahre bereits nach 200 hm an Joost und James so schnell vorbei, dass sie gar nicht auf den Gedanken kommen können, mir zu folgen. Diederik ist noch etwa 250 Meter vorne. Bald schließe ich auch auf ihn auf. Als ich an ihm vorbeiziehen will, sehe ich auf der linken Seite den Lunchtruck – also die Zeitnahme stehen. So werde ich zusammen mit Diederik Zweiter. Rien war wieder ein Mal zu schnell. Meinen direkten Konkurrenten habe ich allerdings wieder einige Minuten abgenommen.

Aber da ist ja noch die Grenze. Dort werden wir nochmals fast 2 Stunden aufgehalten, weil vor uns ein Doppelstockbus abgefertigt wird. Besorge mir noch auf bolivianischem Boden Pesos, da der Wechselkurs auf dem Schwarzmarkt sehr gut ist. So bekomme ich für den USD anstatt 8 sogar 13 Pesos. Kurz nach der Grenze ist auch schon unser Hotel. Es wird das letzte für längere Zeit sein, da wir uns in Argentinien und Chile fast nur auf Campingplätzen oder in Bushcamps aufhalten werden. 

Quelle: 

Redaktion bikesport, Alfred Mähr / Fotos: Alfred Mähr & www.bike-dreams.com