Wettkampf



Andentrail: Nikolaustag im Nirgendwo

Rock 'n' Roll: Die 100. Andentrail-Etappe steht an.
Rock 'n' Roll: Die 100. Andentrail-Etappe steht an.

Ohne Bescherung

Großes Jubiläum beim Andentrail-Enspurt: Die 100. Etappe steht an. Feiern tut allerdings keiner. Wieder einmal ist es der Wind, der den Fahrern alles abverlangt. Am Nikolaustag fehlt anschließend die Kraft für große Bescherungen.

Kurz und knackig

29. November 2014
Etappe  96: Tres Lagos – Camping La Leoan, 58 km, 270 hm, 100% Asphalt, Full-Timing

Wetter: sonnig aber kalt, Westwind

Es ist strahlend blauer Himmel, als ich heute Morgen aus dem Zelt schaue. Auch der Wind hat eine Pause eingelegt. Wie lange wohl? Es geht heute gen Westen. Normalerweise voll gegen den Wind. Aus diesem Grund ist die Etappe auch sehr kurz. Als wir losfahren ist der Wind auch wieder pünktlich zurück. Habe erst mal eine Schrecksekunde zu überwinden. Meine Helmschnalle hat sich geöffnet und ich versuche sie, ohne anzuhalten freihändig fahrend zu schließen. Dabei erwischt mich eine Böe und ich kann nur mit viel Glück und Geschick einen Sturz verhindern.

In unserer Gruppe befindet sich auch James. Wir wechseln uns vorne gegen den Wind ab. Vorne musst du dich voll ins Zeug legen, an hinteren Positionen zieht es dich mit. Nach etwa 30 Kilometern kommt Joost von hinten und zieht gewaltig an. Trotz harter Gegenwehr müssen James und ich abreißen lassen. Ich  bleibe an James dran. Er will nicht weiter Boden gegen mich verlieren, ich will den Abstand zu ihm heute nur halten. So kommen wir gemeinsam nach nur zweieinhalb Stunden schon um 10.30 Uhr ins Ziel. Für mich war heute nicht mehr möglich. Nach sieben Tagen Rennen war heute nicht mehr drin.

Der Wind dein bester Feind

30. November 2014:  Und wieder ein Streichresultat
Etappe 97:  La Leona – El Calafate, 107 km, 816 hm, 100% Asphalt, Half-Timing
Wetter: sonnig, warm, erst Rücken-, dann Gegenwind

Die Plätze in den Trucks müssen wieder einmal ausgelost werden. Zu viele wollen heute wieder „Truckfahren“ statt Radfahren. Gefürchtet ist der zweite Teil der Strecke. Er ist zwar nur 32 Kilometer lang, führt aber voll in Richtung Westen, also gegen den Wind. Max hat in der Wettervorhersage von einem Westwind zwischen Stärke 4-6 berichtet. Das hat die meisten verschreckt.

Im ersten Teil ist nochmals Timing angesagt. Nach dem Patt von gestern gehe ich es vorsichtig an. Es folgt mir wie gehabt Joost und diesmal Diederik, der nach vielen Spazierfahrten im Truck wieder mal Lust zum Radfahren hat. Nach etwa 40 Kilometern bei einer Abfahrt falle ich aus dem Windschatten von Joost und kann nicht mehr folgen. Nach 2:15 Stunden komme ich mit einem Rückstand von vier Minuten zum Lunchtruck. Dort fährt gerade ein Pickup vor. Aus diesem steigt Barry aus und wird sofort von Annelot, unserer Ärztin behandelt. Er ist bei Kilometer 58 ohne Einwirkung von außen nach einem Kreislaufzusammenbruch vom Rad gefallen. Weil eine Behinderung durch diesen Sturz entstand, soll die Etappe nicht gewertet werden. Damit ist mir nach der Annullierung vor wenigen Wochen durch einen zu frühen Start zum zweiten Mal wertvolle Zeit gestrichen worden. Ich werde daher Einspruch gegen die Annullierung einlegen.

Am Tiefpunkt

2. Dezember 2014
Etappe 98: El  Calafate – Bushcamp Tapi Aike, 127 km, 1120 hm, 80%Asphalt, Full-Timing

Wetter: sonnig, mäßig warm, erst Rücken-, dann Seitenwind

Nach dem gestrigen Ruhetag  starten wir in die letzte Sektion des Anden-Trails. Es geht ja eigentlich auch nur noch um knapp zwei Wochen. Ich fühle mich eigentlich gut erholt nach dem Tag in Calafate. Fahre mit James, den beiden Belgiern Jan und Rennert sowie Jürg aus der Stadt. Es geht erst mal die 32 Kilometer zurück, auf der wir vorgestern so hart gegen den Wind kämpfen mussten. Heute haben wir ihn von hinten. Darum können wir uns auf den Lenker legen und in weniger als einer Stunde wieder zurück auf die R 40 fahren.

Die Strecke ist meist leicht abfallend und so sind wir nach 1,5 Stunden bei Kilometer 50, wo ein knackiger Aufstieg über 600 hm folgt. Hier erwischt es mich gewaltig. Ich habe plötzlich Rückenschmerzen und komme kaum den Berg hoch. Ich muss James ziehen lassen. Jürg kommt von hinten und gibt mir eine Voltaren. Solche Sachen hat er dabei, in seinem Täschchen am Oberrohr. Er versucht mich mental aufzurichten und aufzumuntern. Nach etwa 20 Minuten beginnt die Tablette zu wirken und die Rückenschmerzen werden besser.

Jürg gibt mir die nächsten 30 Kilometer Flankenschutz, denn der Wind kommt jetzt meistens von der rechten Seite. In flottem Tempo erreichen wir die Abzweigung, wo es Offroad weitergeht. Lasse Luft aus den Reifen und stelle die Dämpfung auf soft. Verabschiede und bedanke mich bei Jürg für seine Hilfe. Er weiß, dass er mir jetzt auf der Piste nicht mehr helfen kann. Ich gebe mächtig Gas. Oft sehe ich 3-4 Kilometer auf der geraden Piste voraus, kann James aber immer noch nicht wahrnehmen. Der Wind ist nur ab und zu mal von der Seite zu spüren. So kann ich ihn nicht mehr einholen, denn die Etappe ist heute um 30 Kilometer verkürzt worden, da wir auf dem vorgesehenen Bushcamp Tapi Aike keine Genehmigung erhalten haben.

Schnelles Comeback

3. Dezember 2014
Etappe 99: Bushcamp  Tapi Aike – Cerro de  Castillo 88 km, 549 hm, 50% Asphalt, Half-Timing

Wetter: morgens kalt, bewölkt, leichter Regen, später bewölkt und sonnig, erst wenig, später viel Wind

Ein Naturfilmer hätte hier und heute seine wahre Freude gehabt. Als ich morgens die Freilufttoilette besuche, herrscht am kleinen Fluss reges animales Treiben. Kleine und größere Vögel nehmen ihr Morgenbad, streiten und balzen sich. Ein kleiner Wüstenfuchs sorgt für etwas Unruhe. Aber es ist schon toll, wenn so ein Biest einem Vogel zu nahe kommt, fliegt der einfach weg. Ich wünschte, ich könnte es heute auch auf der Piste.

Nach zehn Minuten schaue ich mich um. Tatsächlich sind mir Joost und Rennert bei dem wilden Start gefolgt. Etwa nach 30 Minuten beginnen wieder leichte Rückenschmerzen. Joost und Rennert haben sich ein wenig absetzen können, ich verliere sie aber nicht aus den Augen. Ihr Vorsprung wird nicht mehr größer. Als sie sich dann am Ende der Offroad-Piste nicht entscheiden können, ob es rechts oder links weitergeht, fahre ich an ihnen vorbei und rufe „rechts“ Es geht jetzt auf Asphalt wellig gegen leichten Wind weiter. Wir lösen uns vorne gegenseitig ab und nach einer weiteren guten Stunde sind wir auch schon am Lunchtruck beim Timing. Wir gewinnen die Etappe zu dritt. James folgt etwa 20 Minuten später. Ich habe also seinen gestrigen Vorsprung wieder mehr als wettgemacht.

Nach einem kalten Lunchstopp geht es zuerst asphaltiert, dann auf einer Piste mit zunehmendem Gegenwind der chilenischen Grenze entgegen. Die Zollabfertigung ist problemlos und kurz darauf sind wir in der kleinen Ortschaft Cerro de Castillo. Hier fahren viele Busse durch, die auf dem Weg nach Torres del Paine auch mal einen Stop machen. Wir machen Halt auf einem Privatgrundstück, auf dem wir die Zelte aufschlagen dürfen. Die sanitären Anlagen sind wieder einmal sehr „basic“. Dafür das Abendessen im Freien beim sonnigen Abendlicht in der patagonischen Sonne umso schöner.

Großes Jubiläum - 100. Etappe

4. Dezember 2014
Etappe 100 Cerro de Castillo – Torres del Paine,  64 km, 839 hm, 48% Asphalt, No Timing

Wetter: sonnig, warm, kaum Wind, nachmittags einige Regenschauer

Zur einhundertsten Etappe gegrüßt uns morgens schon die Sonne und schickt ihre erwärmenden Strahlen auf unser Camp. Es ist eine Etappe wie im Bilderbuch und heute kann uns Hartmut wirklich beneiden. Tolle Landschaft, viele kleine und größere Seen, die Torres immer als Hintergrund, davor erleben wir richtige Gauchos, wie sie eine große Herde zusammentreiben. Und links und rechts der Straße sind auch viele Guanakofamilien. Die kleinen sind vielleicht einige Wochen alt und sehen putzig aus. Wenn man sich nähert, schmiegen sie sich ganz an ihre Mutter. Die älteren machen schon mal ein Wettrennen über die Pampa.

Es gibt eigentlich keine Ortschaft. Nur ein ganz großes Hotel und einige kleinere Unterkünfte und ein paar kleine Shops. Wir erkundigen uns schon mal, was eine Hotel-Übernachtung kosten würde. Denn inzwischen hat es angefangen zu regnen. Aber wir kommen schnell wieder davon ab, denn ein Hotelzimmer kostet über 300 US-Dollar für eine Nacht. Wer kann das eigentlich bezahlen? Wir sehen einige Japaner und Chinesen. Die vielen Backpacker und Hiker, die es hier gibt, übernachten im billigeren Rifuigio oder auf dem Campingplatz, so wie wir.

Räder lernen fliegen

6. Dezember 2014
Etappe 101 NP Torres del Paine – Puerto Natales, 134 km, 1846 hm, 18 % Asphalt, No-timing
Wetter: morgens Regen, dann sonnig, später bewölkt, Starkwind

Die Nacht auf dem Campingplatz lässt nicht viel Schlaf zu. Eine große Gruppe Kinder und Jugendliche sorgen für ziemliche Unruhe. Eine andere Gruppe bricht morgens um 4.30 Uhr auf und macht Lärm. Es regnet fast die ganze Nacht, morgens ist es im Zelt wieder feucht. Doch pünktlich zum Etappenstart scheint dann doch die Sonne. Christin hat Geburtstag. Alle wünschen ihr einen schönen Tag. Es sollte ein Geburtstag werden, den sie so schnell nicht vergessen wird.

Es geht erst die acht Kilometer zum Eingang des Nationalparks zurück. Danach geht es über 200 Höhenmeter steil nach oben. Es ist eigentlich eine Traumkulisse: Die Torres und der Glacier Grey im Hintergrund, dazwischen mehrere azurblaue Seen. Nach etwa 19 Kilometer setzt plötzlich heftiger Wind ein. Er kommt meistens gerade oder seitlich von vorne. Er nimmt so stark zu, dass an Fahren nicht mehr zu denken ist. James wird auf dem Rad vom Wind einfach umgeblasen. Es ist sogar schwer, das Fahrrad zu schieben. Wenn der Wind seitlich kommt, hängt es mit beiden Rädern in der Luft und du musst alle Kraft  einsetzen, es fest zu halten, damit es nicht wegfliegt. Immer wieder versuchen wir kurze Stücke zu fahren. Einmal schaffe ich gerade noch den Absprung und muss danach das Rad etwa fünf Meter hinter mir wieder holen. So ähnlich geht es eigentlich allen.

James wird insgesamt drei Mal vom Rad geblasen und kommt nicht aus den Klickpedalen. Knie und Ellbogen sind aufgeschürft. Wir fahren, oder besser gesagt wir laufen auf Schotterpiste. In zweieinhalb Stunden schaffen wir gerade zwölf Kilometer. Und wir haben ja insgesamt 134 vor den Rädern. Doch etwa nach 35 Kilometern macht die Straße eine Richtungsänderung Richtung Süden, dann Südost. Wir können jetzt öfters fahren. Kurz vor dem Lunch bei Kilometer 47 auf einer offenen, sehr tiefen Kiespiste kommt es dann nochmals dick: Der Wind bläst jetzt so stark von der Seite, dass wir das Rad wieder querlegen müssen. Das ist aber mit dem schottrigen Untergrund schwer umzusetzen, da immer wieder das Rad wegrutscht.

Viele sind froh, den Lunchtruck erreicht zu haben und fahren nicht mehr weiter. Andere müssen schon vor dem Lunchstopp abgeholt werden. Sie geben - entnervt vom Wind – auf. Doch nach dem Lunchstopp ist eigentlich das schlimmste überstanden. Etwa 16 Kilometer vor dem Ziel biegen wir auf eine asphaltierte Straße. Der Wind kommt jetzt seitlich von hinten und ist relativ gut zu beherrschen. Der Zielort Puerto Natales liegt an einem Seitenarm des pazifischen Ozeans. Ich atme tief die salzhaltige Luft ein. Nach 9:30 Stunden sind wir als zweite im Ziel. Vor uns waren noch die beiden Belgier Jan und Rennert. Das sind zwei unerschrockene, immer in kurzen Hosen fahrende Jungs, die scheinbar winderprobt sind. Außer uns vier erreichen noch Joost, Michelle, Jürg, und später noch James, Diederik und JR das Ziel. Alle anderen sind früher oder später in den Truck eingestiegen. Für mich war es schade, dass keine Zeitnahme war. Das Dinner muss heute später angesetzt werden. Die vorgesehene Nikolausbescherung ist auf morgen verschoben.

Quelle: 

Redaktion bikesport (Daniel Götz) / Fotos und Text: Alfred Mähr / bike-dreams.com