Wettkampf



Andentrail: Argentinischer Frühling

Andentrail 2014: Alfred Mähr hat nach 60 Etappen immer noch gut lachen.
Andentrail 2014: Alfred Mähr hat nach 60 Etappen immer noch gut lachen.

Es wird Frühling in Argentinien. Das bekommen die Teilnehmer des Andentrails zu spüren. Bis zu 48° Celsius zeigte das Thermometer auf einzelnen Etappen. Alfred Mähr kämpft unvermittelt weiter seinen dritten Platz in der Gesamtwertung zu halten. Es geht entlang der Ruta Nacional 40, jene Kultstraße, die Argentinien von Nord nach Süd durchquert. Auch hier ergeben sich wieder spannende Begegnungen und Geschichten, über die Alfred in seinem Blog berichtet ...

12. Oktober 2014  Es geht runter vom Altiplano
Etappe 56: Buschcamp Quebrada de Huamaca – Yale Camping, 151 km,
541 hm, 100% Asphalt,
Wetter: sonnig, warm, in der 2. Hälfte starker Gegenwind.

Es ist zwar eine lange Etappe mit über 150 Kilometern. Doch vom Profil her sieht sie leicht aus. Es geht von 3500 m herunter auf nur noch 1500 m. Die Strecke weist fast keine Steigungen auf. Und es ist auch noch full-Timing. Mir ist klar, dass  dies die Gelegenheit für James und  Joost ist, um zu gewinnen. Sie legen auch gleich mächtig los. Für mich arbeitet wieder die schwäbische Lokomotive Hartmut. In der ersten Stunde fahren wir einen Schnitt von über 40 km/h. Schon nach 60 Kilometern steht der Lunchtruck. Wir nehmen nur schnell einen Happen und weiter geht die Fahrt. Diese wird  aber immer mehr abgebremst durch harten Gegenwind. Manchmal bläst er so scharf um die Felskanten, dass wir fast stehen. Hartmut macht fast die gesamte Führungsarbeit.

Bei km 115 müssen wir erstmals einen Notstop machen, da ich am Hinterrad Luft verliere. Probiere es mit Pumpen. Das hilft bis zu unserem kurzen Zwischenstopp in Volcano, wo wir eine Cola trinken. Noch einmal muss ich nachpumpen, Dann geht es die letzten 20 km wieder mehr bergab und der Wind lässt etwas nach. Nach 5 ½  Stunden haben wir das Ziel, den Campingplatz in Yale erreicht. Ich spendiere Hartmut sofort ein Bier. Das hat er sich redlich verdient. Ohne ihn hätte ich es heute wesentlich schwerer gehabt. Die beiden Führenden haben sich natürlich zusammengetan und sich gegen den Wind abgelöst. Trotzdem haben sie eine halbe Stunde gegen mich gut gemacht. Naja. Es kommen auch wieder Berge.

13. Oktober 2014  Pferdegeruch
Etappe 57: Yala – Salta, 122 km
, 1268 hm, 100% Asphalt, Half-Timing
Wetter: sonnig, sehr warm

Es geht eine halbe Stunde früher los, damit wir am Etappenziel in Salta mehr Zeit haben. Es ist half-Timing angesagt. Bin gleich vorne mit dabei, da ja heute einige Höhenmeter auf dem Programm stehen. Es bildet sich wieder die übliche Gruppe mit Rien, James, Hartmut und mir. Rien ist wieder nicht zu bremsen, James ist am höchsten Punkt hinter mir und Hartmut ist mir abgehauen. Er geht auf die Verfolgung von Rien. Dann folgt eine lange Abfahrt. Da kommt James wieder von hinten und überholt uns beide. Der vierte Platz ist trotzdem sehr befriedigend für mich, da Joost eine halbe Stunde auf mich verloren hat.

Nach der Zeitnahme fahre ich mit Hartmut zügig, aber entspannt  durch eine tolle Gegend. Nach der kargen Landschaft der letzten Wochen tut das saftige Grün und die blühenden Bäume und Sträucher richtig gut. Es wird Frühling in Argentinien. Wir sehen tolle Freizeit- und Reitanlagen, einheimische Jogger, Inlineskater und Radfahrer. Der Lebensstandard ist hier spürbar höher. Es geht durch ein wunderschönes Tal abwärts nach Salta. Die Stadtdurchfahrt ist etwas mühsam, da der Campingplatz auf der anderen Seite liegt. Dort ist die Enttäuschung riesengroß, weil der Campground relativ heruntergekommen aussieht. Und so ist es auch.

Nichtsdestotrotz gibt es noch eine tolle Party, da wir sieben Teilnehmer verabschieden müssen. Ellen und ihr Team veranstalten eine Grillparty, bei der es Gutes zu Essen und noch mehr zum Trinken gibt. Leider müssen wir auch Hartmut verabschieden. Das tut besonders mir weh, denn ich habe mich nicht nur gut mit ihm verstanden, sondern wir hatten beim Radfahren ziemlich das gleiche Tempo und er hat mich sehr im Rennen unterstützt. Hardy und ich beschließen, uns in der Stadt ein Hostal zu gönnen. Wir finden ein kleines nettes und bezahlen dafür pro Nacht etwa 115 Pesos, da sind nicht mal 10 Euro. Und das noch mit Frühstück. Da sagt auch ein Schwabe nicht nein.

16. Oktober 2014 Unter sengender Sonne in der argentinischen Pampa
Etappe 58: Salta – Bushcamp Talapampa, 96 km
, 519 hm, 100% Asphalt, no Timing
Wetter: sonnig, heiß, kaum Wind

Ich sitze gerade im offenen Zelt im Bushcamp und schreibe mein Tagebuch. Da bekomme ich Besuch. Am 5m entfernten Zaun  schaut mir ein neugieriges Pferd zu. Gehe hin und versuche mich, mit ihm anzufreunden. Erst ist es ganz schön scheu, dann wird es immer zutraulicher und lässt dich sogar am Kopf streicheln. Gebe ihm einen übrigen Riegel, der ihm aber nicht besonders schmeckt. Während ich weiter schreibe, schaut er mir immer noch zu.

Doch was war vorher passiert? Wir fuhren auf der Ruta nacional 68 – die auch als "Ruta del Vino“ angeschrieben ist, also sozusagen eine argentinische Weinstraße. Allerdings sah ich den ersten und einzigen Weinanbau kurz vor Talapampa. Das Thermometer kletterte während der Fahrt auf rekordverdächtige 48,6 °. Manche hatten auf ihrem Computer sogar 51°. Gegen Ende der Etappe waren einige Teilnehmer länger in einer schattenspendenden Bar an der Strecke als auf der Straße. Wir waren bereits um 13.30 Uhr im Camp und suchten einen schattenspendenden Zeltplatz. Zu unserer freudigen Überraschung lud uns der einzige angrenzende Nachbar in seinem Neubau zu einer Dusche ein. Auch Toiletten stellte er uns zur Verfügung. Auch Wasser und Strom bekamen wir von ihm, sodass wir sogar gekühlte Getränke herstellen konnten. Welch ein Luxus im Bushcamp.

Von bikesport-Redakteur Thomas Werz bekam ich dann noch die freudige Nachricht, dass ein Ersatz-Garmin bereits auf dem Weg zu meiner Frau Brigitte ist. Es wäre toll, wenn ich ab Mendoza wieder navigieren könnte.

17. Oktober 2014 Wie im Kino
Etappe 59: Bushcamp Talapampa – Cafayate Camping, 91 km
, 818 hm, 100% Asohalt, no Timing
Wetter: sonnig, warm, kein Wind

Als ich morgens aufwache und aus dem Zelt schaue, steht das Pferd schon wieder da und wartet auf eine Streicheleinheit. Den Schlafsack habe ich nicht gebraucht. Eigentlich wäre es im Freien erträglicher gewesen, aber ich wollte mich nicht von den vielen Insekten piesacken lassen. Wir starten wegen der wieder zu erwartenden Hitze eine Stunde früher – eine weise Entscheidung. Es gibt Tage, da fragst du dich, warum du diese Reise erleben darfst. Heute ist so ein Tag. Ich komme mir im Sattel vor wie im Logenplatz eines Breitwand-Kinos. Eine unglaubliche Landschaft zieht an mir vorüber. Das fast wasserlose Flussbett, eingebettet in saftiges Grün auf der einen Seite, steil aufragende Berge und Felsen in verschiedenen Rottönen auf der anderen Seite. Das alles unter azurblauem Himmel und strahlender Sonne. Das Thermometer klettert, bleibt aber dann bei erträglichen 42° stehen.

Insgesamt steigen wir heute von 1200 m auf 1600 m. Es sind kaum merkbare, sanfte Steigungen. Es heißt wieder einmal nur Oberschenkel fallen lassen. Der Körper spürt bei solchen Etappen keine Anstrengung mehr. Die Zeit vergeht wie im Flug, die Etappe kommt einem richtig kurz vor. Ja, wir sind auch schon vor 13 Uhr am Ziel in der kleinen netten Stadt Cafayate. Ein kleiner Spaziergang zum Cafe bringt mich zum WiFi, wo ich den Bericht schreiben kann und  die nötigen E-mails, um die Lieferung des Garmin-GPS Geräts nach Mendoza zu organisieren.

18. Oktober 2014 Auf der Ruta 40
Etappe 60: Cafayate – Santa Maria, 78 km, 486 hm,85%% Asphalt, half-Timing
Wetter: sonnig, warm vormittags kaum Wind, nachmittags im Camp Starkwind

Eigentlich schlafe ich im Zelt inzwischen recht gut. Doch die letzte Nacht dröhnte von irgendwo  her laute Musik. So wachte ich immer wieder auf. Darum ging ich etwas unausgeschlafen in diese Etappe, wo bis zum Lunchstopp Timing angesagt war. Das  war wieder etwas für die holländischen Flachlandspezialisten. Es waren kaum Höhenmeter zu machen. So formierte sich von Beginn an wieder eine Siebenergruppe. Schon nach wenigen Kilometern tappte ich wieder in die holländische  Falle. Sie ließen mich wieder im Wind stehen und zogen dann an. Leider hatte ich keinen Hartmut mehr. Auch James konnte nicht folgen. Und alleine ohne Windschatten hast du keine Chance. So machten Rob, Joost und Terry den Sieger unter sich aus. Doch der Rückstand auf Joost mit sieben Minuten hielt sich in Grenzen.

Nach dem Lunch machten wir auf einer vier km langen Waschbrettpiste einen kleinen Abstecher zu den Ruinen von Quilmes. Die Ausgrabungen stammen aus dem Jahr 800 nach Christus. Auf einem großen Areal kann man die Behausungen und Kultstätten der Vorfahren der Inkas bewundern. Danach ging es zurück auf die Ruta Nacional 40. Diese RN 40 besitzt schon Kultstatus. Sie durchquert Argentinien von Nord nach Süd und  wird von den meisten Südamerika-Durchquerern – egal ob Automobilisten, Motorrad- oder Radfahrer – benutzt. Mal ist sie gut asphaltiert und ausgebaut, mal gibt es auch kilometerlange Kies- und Sandpisten. Auch müssen viele trockene Flussbette durchquert werden. Zusätzlich erschwert wird die Fahrt oft von heftigem Gegenwind und gnadenlos brennender Sonne ohne jeglichen Schatten.

Der Campingplatz heute liegt wieder nahe des Stadtzentrums, ist aber lange nicht so gepflegt wie der letzte in Cafayate. Dazu soll wieder heute abend in unmittelbarer Nachbarschaft ein Konzert stattfinden. Das verspricht nochmals gestörten Schlaf.

Quelle: 

Redaktion bikesport (Daniel Götz) / Fotos: Alfred Mähr, bike-dreams.com