Menschen

Der Überflieger - Zu Besuch bei Oliver Grossmann

Von manchen Leuten müsste es eine Actionfigur geben. Die von Oliver Großmann würde dann mit mehreren Bikes geliefert werden, einer Kletterausrüstung, einem Donaudampfer zum Drüberspringen und einem Hubschrauber. Bei wem sich jetzt ein großes Fragezeichen über dem Kopf bildet, dem sei gesagt: Oliver hat sich mit seinen 44 Jahren mehr Träume erfüllt, als normale Leute haben. Er drückt es so aus: „Ein bissl umtriebig bin ich schon. Ich lebe ja nur einmal, oder? Man muss mitnehmen, was geht.“ In seinem alten Leben als Mountainbiker hat er genau das getan: von Rennen und Trialshows auf der halben Welt, extremen Stunts, wie besagtem Sprung über ein Passagierschiff bis hin zu einem Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde für den höchsten Bunny Hop ... und diese Liste ist längst nicht komplett. Als Ingenieur baute Oliver später seine eigenen Bikes

Ab in die Luft
Vor fünf Jahren verschwand Oliver aber aus der Bike-Szene. „Die Kombination von Hobby und Beruf ist manchmal nicht so schön, wie man es sich vorstellt“, erklärt Oliver und meint seine Marke Grossman Bikes GmbH, die er ab 1998 führte. „Die war zwar erfolgreich, bedeutete aber auch zehn Jahre lang wahnsinnigen Stress. Irgendwann hab ich gesagt: Ich will eigentlich nicht bis zu meinem Lebensende Radl verkaufen.“ Auf der Suche nach Alternativen nahm er 2007 Kontakt zu einem Hubschrauberpiloten auf, „und da ging das Glück dann los.“ Der Pilot war nämlich Fluglehrer, und als ob sich Puzzleteile ineinander fügten, hatte Oliver bald die Möglichkeit, Rettungspilot an der Regensburger Uniklinik zu werden. Die Fliegerei machte Spaß, die Firma mehr Stress, da fiel die Entscheidung leicht, sich auf ein neues Leben einzulassen. „Als ich die Firma geschlossen habe, wollte ich nichts mehr vom Biken wissen“, erklärt Oliver.

Ein bisschen Rückkehr
Schon öfters, so erzählt Oliver, habe er einen vermeintlichen Schlussstrich unter eine Sache gezogen, um sich ein paar Jahre später doch wieder dafür zu interessieren. Und so kehrt das Mountainbiken in sein Leben zurück: „Jetzt gerade habe ich langsam wieder Lust und auch wieder ein paar Räder. Damit bin ich kräftig am Trainieren – und ich bin sehr verwundert, wie gut das noch alles geht.“ Ein paar kleine Fourcross-Rennen möchte er mitfahren. Und bei der Firma Ghost ist er als Berater tätig.

„Hauptberuflich bleibe ich aber Hubschrauberpilot“, stellt Oliver fest. „Das ist mein absoluter Traumjob. Das mache ich bis zur Rente, definitiv.“ Immerhin kann man als Rettungspilot so einiges erleben. Einmal ging es im Winter zu einem dringenden Einsatz. Ein laufendes Auto voller Rauch stand auf einem einsamen FeldwegVerdacht auf Suizid. „Als wir gelandet waren“, so erzählt Oliver, „stiegen zwei Leute verwundert aus dem Auto, beide mit Zigaretten. Das waren Kupferdiebe, die Leitungen ausgegraben und in der Kälte im Auto eine geraucht hatten.“ Selten ist ein Einsatz so harmlos. Aber wenn Oliver Großmann heute seinen Heli nur halb so gut beherrscht wie früher sein Bike, dann ist er der Mann, den man gerne als Rettungsflieger hätte, wenn wirklich etwas schief geht.

Steckbrief Oliver Grossmann
Geboren 1969. Mit Stunts und Rekorden auf dem MTB zog Großmann Aufmerksamkeit auf sich, z. B. mit einem Rekordsprung über einen Donaudampfer 1994. Auch konnte er Titel in den Disziplinen Trial, Dual Slalom, 4X und DH verbuchen. Mit seiner eigenen Bikemarke „Grossman“ baute der studierte Ingenieur einige der ersten Freeride-Bikes, die bis heute einen guten Ruf genießen. 2007 beschloss Oliver, Helikopter-Pilot zu werden und zog sich ein Jahr darauf ganz aus der Bike-Szene zurück. Heute arbeitet er in der Luftrettung und lebt mit seiner Freundin in Regensburg.

Quelle: 

Autor: Tristan Zerdick | Fotos: Oliver Grossmann