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MTB Fahrtechnik-Tipp: Die Spitzkehre fahren lernen

Spitzkehre: Spielerisch mit dem Mountainbike um die Ecke rollen

Beim Richtungswechsel trennt sich meist die Spreu vom Weizen. Vor allem, wenn die Kurven spitzer werden. Unsere multimediale Fahrtechnikserie liefert wichtige Tipps.

Jetzt ist Schluss mit Fuß vom Pedal bei engen Kehren. Egal ob im alpinen Bereich mit Blick auf Dreitausender oder in den Mittelgebirgen auf steilen Steigen: Spitzkehren finden sich überall und sind für viele Mountainbiker ein oft kaum lösbares Puzzlespiel. Hierfür gibt es viele Faktoren. Die Ausgesetztheit des Trails, der rutschige Untergrund oder der Eindruck, dass, nach Murphys Gesetz, immer die falsche Kurvenseite vor einem liegt. Damit am Ende aus dem Puzzle ein wirklich schönes Bild entsteht, ist es wichtig, die einzelnen Puzzleteile in der richtigen Reihenfolge zusammenzusetzen. In der ersten Etappe fahren wir eine Kehre. In der zweiten zeigen wir, wie man durch das Versetzen des Hinterrads spitzere Kehren bewältigen kann.

Enge Kehren fahren

Nach einer angenehmen Trailfahrt folgt auf einmal eine Spitzkehrenpassage. Abbremsen ist hier die richtige Maßnahme, um sich den nötigen Überblick zu verschaffen. Dann sind aber Entscheidungen gefordert. Wie muss ich die Kurve anfahren? Wohin sollte mein Blick gehen? Was macht meine Pedalstellung? Die folgenden sechs Schritte geben eine Anleitung für eine runde Kehrenfahrt.


1. In einer lockeren Grundposition an die Kehre heranfahren. Um den maximalen Kurvenradius zu nutzen, fährt man zum Beispiel bei einer Linkskurve so weit wie möglich rechts außen. Der Blick gleitet zum Kurvenmittelpunkt.


2. Einfahren in die Kurve mit nach vorne gerichtetem Blick. Das Bike nach links neigen und das Vorderrad leicht einschlagen. Auf diese Weise wird das Kurvenmanöver eingeleitet. Der Oberkörper geht, je nach Steilheit, tiefer.

3. Bevor man das Rad durch die Kurve rollen lässt, wird die linke Oberschenkelinnenseite zur Stabilisierung der Körperhaltung an den Sattel gelegt. Der Kopf dreht sich so weit wie möglich aus der Kurve hinaus.

4. Jetzt heißt es, den Blick entlang der Kurveninnenseite weit nach vorne gleiten zu lassen. Die Körperposition bleibt kompakt und der Kontakt zum Sattel bleibt bestehen. Auf eine waagerechte Kurbelstellung achtgeben.

5. Der schwierige Teil dieser Kehre ist geschafft. Um den Fahrfluss zu erhalten, ist die aktive Blickführung nach vorne wesentlich. Langsam wird das Bike wieder aufgerichtet und entspannt weitergerollt.

6. Die Grundposition kann nun wieder eingenommen werden. Hierzu die Ellenbogen- und Kniegelenke annähernd ganz durchstrecken. Der Blick schweift weiterhin 1-3 Sekunden voraus auf das kommende Trailstück.

Spitzkehre mit Hinterradversetzen

Nun kommen wir zur Königsdisziplin, dem Hinterradversetzen, auch Lupfer oder Heckschleuder genannt. Diese Technik ist da nötig, wo Spitzkehre mit Hinterradversetzen eine Spitzkehre so eng ist, dass sie mit beiden Rädern am Boden rollend nicht zu bezwingen wäre. Damit das Hinterrad nicht am Kurvenmittelpunkt hängen bleibt, gilt es, ein paar Punkte zu beachten. In dieser Bilderserie erklären wir den Bewegungsablauf Schritt für Schritt.

1. Lockere Grundposition mit leicht angewinkelten Ellenbogen- und Kniegelenken beim Anfahren. Um den maximalen Kurvenradius zu nutzen, hält man sich so weit außen wie möglich. Der Blick sucht den Kurvenmittelpunkt.

2. Ein spitzes Einfahren in die Kehre verschafft genügend Platz zum Versetzen des Hinterrads. Bei einer Linkskurve sucht die linke Oberschenkelinnenseite den Kontakt mit der Sattelspitze. Einrollen in die Kehre.

3. Jetzt geht es um das Timing. Mit rollendem Vorderrad und leicht schleifender Bremse wird das Hinterrad entlastet, indem der Körper dynamisch nach oben geht. Wichtig: Nicht nach vorne lehnen, zentrale Körperposition halten.

4. Der Blick geht in Richtung Kurvenausgang. Das Vorderrad rollt weiter. Trick: Dank des eingeschlagenen Vorderrads und durch den Drehimpuls im Oberkörper schwenkt das Hinterrad in der Luft wie von selbst seitwärts.

5. Das Vorderrad bleibt weiterhin eingeschlagen und rollt mit schleifender Bremse durch die Kehre. Während sich das Hinterrad langsam in Richtung Boden senkt, scannt der Blick die Kurveninnenseite des folgenden Trails.

6. Im letzten Schritt wird das Hinterrad sanft abgefedert, indem die Knie beim Aufsetzen gebeugt werden. Mit einer Blickführung von 1-3 Sekunden voraus aus der Spitzkehre herausrollen. Geschafft!

 

PraxisTipps

Die folgenden Tipps helfen, die Spitzkehren einfacher und mit Erfolg zu meistern.

  • Basis der Spitzkehrenfahrt ist die technisch saubere Beherrschung des Bewegungsablaufs in der Kurve, siehe bikesport 3_4/2015.
  • Vorübungen helfen beim Umsetzen des Hinterrads: etwa das Heck zunächst ohne, dann mit leicht schleifender Bremse anheben.
  • Wer dafür ein gutes Gefühl entwickelt hat, leitet bei der Bergabfahrt eine leichte Kurve ein. Das Hinterrad schwenkt automatisch.
  • Beide Kurvenrichtungen, links und rechts, sollten im Wechsel geübt werden.
  • Das Hinterradversetzen zur Sicherheit erst an Spitzkehren üben, die im Zweifel auch mit beiden Rädern am Boden zu nehmen sind.
  • Wer sich dabei sicher fühlt, kann sich Schritt für Schritt an ausgesetztere Spitzkehren heranwagen.

 

Über Andy Rieger


Neben seiner Tätigkeit als Redakteur und Fahrtechnikexperte beim bikesport Magazin ist Andy Rieger Mitglied im Bundeslehrteam der Deutschen Initiative Mountainbike (DIMB). Anzutreffen ist er auch bei seiner Fahrtechnikschule HappyTrails.de im Chiemgau.


 

Quelle: 

Text: Andy Rieger | Fotos: Gideon Heede